254. Newsletter - sicherheitskultur.at - 22. Oktober 2026

von Philipp Schaumann

Letzte Ergänzungen 25.10.2026

Themen-Überblick aller Newsletter

 

Hier die aktuellen Meldungen:

1. Die Tech-Oligarchen greifen ein

Vielleicht sollte man ihnen nicht so viel Aufmerksamkeit widmen, aber das ist nicht ganz einfach. Im vorigen Newsletter hatte ich berichtet, dass sie sich symbolisch unterwerfen, dafür aber auch (nicht nur symbolisch) belohnt werden. Aber es gibt auch anderes zu berichten.

Viele der US-Tech-Oligarchen sind Science Fiction Fans, sie halten dystopische Beschreibungen zukünftiger Gesellschaften für Bauanleitungen für die Zukunft. Mit ganz viel lockerem Geld kann man sich Jugendträume verwirklichen, siehe das links verlinkte Youtube-Video. Sehenswert, mit wie viel kinderlicher Freude Musk sein tolles Spielzeug vor den versammelten Fan-Boys präsentieren lässt.

Das Auto demonstriert eine beeindruckende Bodenhaftung, die nicht nur eine Beschleunigung von 0 auf 100 in 1 Sek erlaubt (und damit den bisherigen Rekord des ↑(opens in a new tab)McMurtry Spéirling [wiki] von in 1,5 Sek für 0 bis 100 geschlagen hat), sondern auch Fahren oder Parken in einer Kopf-Über-Position, von der sich das Fahrzeug mittels Düsen wieder sicher auf die Straße absenken kann. Das ist technisch beeindruckend, die Ingenieure von SpaceX haben offenbar ihr Know-how genutzt und die Software für die Steuerung von Raumkapseln in das Auto eingebaut.

Die Demonstration ist beeindruckend, aber deutlich verspätet: Schon 2017 wurde ein Prototyp des Roadster-Sportwagens gezeigt und der Produktionsstart für 2020 angekündigt. Nun existiert das Gerät wirklich und die Produktion soll 2028 starten, warten wir ab. Alle Roadster sollen das Saugsystem für die Straßenhaftung bekommen. Die "Rocket"-Variante, die auch fliegen kann, wird wohl nur auf Einladung zugänglich sein. Bestellungen für die Basis-Version (mit Anzahlungen) werden auf der Tesla-Website aber bereits entgegengenommen.

Tesla vermutet korrekterweise, dass die Straßenzulassung der "Rocket"-Version "schwierig" sein wird. Der Artikel ↑(opens in a new tab)Raketenshow statt preiswertem Auto für alle ist ebenfalls von der Technik beeindruckt, fragt sich aber, ob der neuen Roadster je mehr sein kann als Werbung für Tesla. Was Tesla weiter fehlt, das ist ein Modell, das praktische Elektromobilität zu einem Preis von unter 30.000 Euro bietet und das durch hohe Verkaufszahlen die Basis des Elektroautogeschäfts darstellen könnte. Chinesische Hersteller haben Elektroautos für unter 30.000 Euro im Angebot. Dazu: ↑(opens in a new tab)Tesla: der Umsatz ist stabil, der Gewinn schmilzt weg.

'Der Standard' ist auch skeptisch, was die Zeitplanung betrifft: ↑(opens in a new tab)Vom Roadster bis zum Mars: Ein Einblick in die krude Zeitrechnung des Elon Musk.

"Zensur" von "unerwünschten" Theaterstücken

Die albernen Ideen der Tech-Oligarchen könnte man ja als Spielerei abtun, aber die Tech-Oligarchen greifen leider mittels Kontrolle über die digitalen Kommunikationsmittel auch in unser Leben ein, und zwar mit ihren eigenen kruden Vorstellungen von einer anderen Gesellschaft. Beispiel: Meta verbietet Werbung für die Bühnenversion von ↑(opens in a new tab)Virgina Woolfs "Ein Zimmer für sich allein". Virginia Woolf ist für Mark Zuckerberg zu feministisch. Die Tech-Oligarchen sind zwar angeblich für freie Meinungsäußerung, aber nur wenn es um ihre eigenen Positionen geht.

Bösartige Eingriffe im Ukrainekrieg

Die nächste Bösartigkeit betrifft Elon Musk (und nun wird es richtig brutal). Musk hat nach ↑(opens in a new tab)Angaben des Wall Street Journal (WSJ) eigenhändig entschieden, dass Starshield, die militärische Variante von Starlink, eine Geschwindigkeitsbegrenzung bekommt. Sobald sich ein Starshield-Empfänger mit mehr als 130 bis 161 km/h bewegt, kappt das Starshieldsystem die Verbindung. Dh für stationäre Antennen und langsame Fahrzeuge ist Starshield weiter verfügbar, aber nicht für schnelle Drohnen. Dadurch kann die Ukraine keine schnellen strahlgetriebenen Abfangdrohnen gegen russische Shahed-Kamikazedrohnen mehr einsetzen. Musk hat damit die Ukraine und Kyjiw für russischen Beschuss ohne Verteidigungsmöglichkeiten frei gegeben.

Musk hat wohl die Starshield-Drosselung zur Schwächung der Ukraine vorgeschlagen, weil Trump über die ukrainische Bombardierung von russischen Raffinieren sauer ist. Trump behauptet, dass dies angeblich den Dieselpreis in den USA hochtreibt und nicht die Blockade der Straße von Hormus. Trump will seinem Freund Putin im Krieg gegen die Ukraine helfen (und der Kauf von russischem Diesel ist nur ein erster Schritt). Und Musk wollte wohl Trump beim Schutz der russischen Raffinierien unterstützen. Ebenfalls bizarr: Trump unterstützt Putin, der wiederum den Iran im Krieg gegen das USA-Militär unterstützt (zB durch Satellitenfotos der amerikanischen Positionen und Militärbasen).

Aber die Drosselung von Starhield hat darauf gar keinen Einfluss: Für Angriffe tief im russischen Hinterland gegen Rechenzentren und Raffinerien nutzt Kyjiw gar kein Starshield, da das Signal dort ohnehin blockiert ist. Statt die Angriffe auf Raffinerien zu stoppen, sabotierte Musk die ukrainische Flugabwehr zum Schutz ukrainischer Städte. Ein Poster schreibt: "Auf die Sanktionsliste mit dem Oligarchen Musk!"

Ergänzung ein paar Tage später: ↑(opens in a new tab)Trump: Musk hat Starlink-Drosselung für Ukraine aufgehoben - da hat es wohl Telefonate gegeben. Eine offizielle Bestätigung aus Kiew, dass die Drosselung aufgehoben wurde, gibt es aber bislang nicht. Erst einige Tage später läuft ↑(opens in a new tab)Starshield wieder stabil und ↑(opens in a new tab)Musk ist wieder am stänkern: Er behauptet, die Nutzung für Gegenangriffe verstößt gegen die Nutzungsbedingungen, die Ukraine sagt, für Angriffe weit in Russland sei es eh nicht geeignet.

Dieses Problem betrifft nicht nur die Ukraine, sondern ist ein deutlicher Wink, wie jegliche technologische Abhängigkeit von den USA gegen Europa eingesetzt werden kann (zB durch eine simple Änderung der Nutzungsbedingungen). Waffen- und Technologiekäufe in den USA werden immer mehr zu einer zweischneidigen Angelegenheit. Weiter unten findet sich eine Aktualisierung zu Palantir in Europa.

Verheerende" Vergeltung gegen zaghafte Versuche Richtung Unabhängigkeit Europas

Jegliche Versuche Europas, sich etwas unabhängiger von den USA zu machen, führen zu heftigen US-Reaktionen. Die EU erwägt, Frequenzen für eine direkte Kommunikation zwischen Smartphones und Satelliten bevorzugt an europäische Firmen zu vergeben, eine kluge Entscheidung. Der US-Botschafter in Brüssel ↑(opens in a new tab)droht der EU mit "verheerender" Vergeltung gegen EU-Firmen, die gegenüber US-Firmen bevorzugt werden. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Hintergrund ist der geplante Cloud and AI Development Act, die Unabhängigkeit für Anbieter von sensiblen Cloud-Diensten sicherzustellen. Die EU plant, europäische Unternehmen bei bestimmten Internetdienstleistungen zu bevorzugen. Wertvolle Mobilfunkfrequenzen für Satelliten sollen an europäische Firmen vergeben werden, um den Anteil für US-Betreiber zu reduzieren (und die Erpressungsmöglichkeiten wie bei der Ukraine zu reduzieren). Damit würden Frequenzen für chinesische und US-amerikanische Unternehmen wie SpaceX eingeschränkt.

Eingriff in Wahlen

Meta hat wohl in die Wahlen in Brasilien eingegriffen: ↑(opens in a new tab)Meta Mitarbeiter: Facebook und Instagram drosselten vor Brasilien-Wahl Lulas Reichweite. Ziel war, den rechten Kandidaten wieder an die Macht zu bringen, und in der Vorwahl lag dann Flavio Bolsonaro auch wirklich vor dem "eher linken" Kandidaten Lula da Silva. Die Reichweite von Lula auf Facebook und Instagram wurde gedrosselt, die rechten Postings wurden gepusht. Meta wies die Vorwürfe zurück und ↑(opens in a new tab)sprach von technischen Problemen. Dh, sie streiten es nicht mal ab?!?

Das erinnert mich an die Eingriffe von Cambridge Analytica (mit Hilfe von Facebook) bei US-Wahlen und für den Brexit: ↑(opens in a new tab)Cambridge Analyticas Eingriffe in Wahlen [wiki]. Ein Gericht im US-Bundesstaat New Mexico hat gerade aktuell für Meta ↑(opens in a new tab)eine Strafe von 25 Milliarden US$ für Datenschutzverletzungen rund um den Cambridge Analytica-Skandal verhängt. Natürlich geht Meta in die Revision, sie behaupten, gezielte Beeinflussung von Wählern auf der Grundlage ihrer Profile wäre freie Meinungsäußerung. Das Gericht wolle "neue Regeln dafür durchzusetzen, was Menschen online sagen dürfen". Viele Details im Artikel.

Außerdem erinnert mich das an eine Studie aus 2014, in der Mitarbeiter von Facebook testeten, ob sie durch "selektives Auffordern, zur Wahl zu gehen", eine Wahl beeinflussen können. Das Ergebnis des Tests war: Ja, sie können Wahlen beeinflussen: ↑(opens in a new tab)Wie Facebook Wahlen beeinflussen kann.

Eingriff in Anti-Trump-Proteste

Zufälle gibt es !! ↑(opens in a new tab) Meta sperrte No-Kings-Account vor und während den Massenprotesten gegen Trump. "No Kings" ist eine partei-unabhängige Massenbewegung gegen Trump und seine menschenverarchtende Politik, zB die Deportationen. Genau als am Samstag in 3000 US-Städten Menschen auf die Straße gingen, da schaltete Meta das zentrale Instagram-Konto der "No Kings Coalition" ab - angeblich ein "Missverständnis". Das Konto war einige Stunden nicht benutzbar, was es doch für Zufälle gibt! Wir werden sehen, was am kommenden US-Wahltag alles ausfällt oder manipuliert wird.

Werbung für einen Gottesstaat

Es wird immer gruseliger: ↑(opens in a new tab)Christliche Rechte wollen den Gottesstaat, ein "katholisches Kopftuch" und Tod für "Häretiker". Die Bewegung heißt: ↑(opens in a new tab)(Neo-)Integralismus [wiki]. Hinter diesen Ideen stehen nur einzelne der Tech-Oligarchen, aber wenn so viel Geld zur Verfügung steht, ist viel möglich. Theolog:innen warnen vor dem Einfluss der christlichen Rechten, die ihre Ideen eines Gottesstaats mit Milliardengeldern pumpen. Ihre weltweite Vernetzung macht sie besonders gefährlich. Ihr Ziel: Eine Rückkehr zu einer Ordnung, in der sich Staat und Politik wieder der Kirche unterordnen, ohne Religionsfreiheit und Menschenrechte. Dieser US-Trend hat auch in Europa Fuß gefasst.

Damit sind wir schon wieder bei Science Fiction. Margaret Atwoods ↑(opens in a new tab)Der Report der Magd [wiki] beschreibt einen solchen fiktiven Gottesstaat auf dem Gebiet der heutigen USA. Nicht auf der Basis des Korans, sondern ausgewählter Stellen des Alten Testaments und ohne solche 'revolutionären Ideen' wie Religionsfreiheit und Gleichberechtigung - damit sind wir dann schon wieder bei dem Verbot der Werbung für Virgina Woolf.

Noch ein Hintergrundbericht und Interview dazu: ↑(opens in a new tab)Christliche Rechte wollen Gottesstaat und gefährden Demokratie. Zentren sind USA, Deutschland, Ungarn und auch Österreich.

Staatengründungen

Da den Tech-Oligarchen unsere demokratischen Systeme schon lange nicht mehr passen, versuchen sie eigene Staaten zu gründen (sie haben genügend Geld auch für große Projekte). Es geht darum, "Staaten" zu gründen, in denen ihre eigenen Regeln gelten: Ungebremster Kapitalismus, arbeitgeberfreundliche Arbeitsgesetze [„Elon-kompatibel“], keine Steuern auf Eigentum und Gewinne, keine Mitsprache der Bevölkerung, Geld entscheidet. Frühere Gründungsprojekte sind bisher jeweils gescheitert, Beispiele gibt es auf hoher See, ↑(opens in a new tab)in Malaysia und ↑(opens in a new tab)in Kalifornien.

Nun haben Bauarbeiten in der Nähe von Buenos Aires begonnen: ↑(opens in a new tab)Tech Utopians Want to Build a City for the Post-A.I. World (Gastzugang), wo Thiel seinen derzeitigen Lebensmittelpunkt hat, nahe bei Staatspräsident Javier Milei, der sich und Thiel als "Anarcho-Kapitalisten" bezeichnet. Das Vorhaben des US-Start-ups ↑(opens in a new tab)"Praxis" [wiki], eine eigene Stadt zu errichten, basiert auf dem Konzept des sogenannten Netzwerkstaates, bzw „digitale Nation“. Mit Investitionen in physische Infrastruktur und direkten Allianzen mit Staatschefs – wie jener zwischen Thiel und Präsident Javier Milei – agieren diese Netzwerke zunehmend als eigenständige geopolitische Akteure. Milei bietet ihnen einen "sicheren Hafen" für ihre Vermögen, ohne lästige Diskussion über Milliardärssteuern wie in Kalifornien. Die geplante Investitionssumme des Projekts liegt bei rund einer Milliarde US-Dollar (keine Summe für Thiel oder Musk).

 

2. Super-Intelligenz

In der vorigen Ausgabe hatte ich berichtet, dass Trump (unter Androhung von Strafen) verlangt, nur noch von Super-Intelligenz zu reden statt künstlicher Intelligenz. Der Artikel ↑(opens in a new tab)We Already Have Narrow Superintelligence untersucht, auf welchen Anwendungsgebieten wir bereits heute Superintelligenz haben und was die Faktoren dafür sind.

Eine Super-Intelligenz ist ein System, das nicht nur auf Spezialgebieten, wie zB Schach, Go, der Proteinfaltung, allen Menschen weit überlegen ist, sondern in allem, dh auch in allen Geisteswissenschaften. Hier mein voriger ausführlicher Artikel zu Super-Intelligenz.

Der Autor identifiziert 4 Faktoren, die dafür ausschaggebend sind, ob künstliche neuronale Netze so trainiert werden können, dass ihre Fähigkeiten weit über den Möglichkeiten von Menschen liegen. Hier seine Punkte:

  • Fehlerfreie Evaluierung der Antworten: Beim Trainieren von künstlichen neuronalen Netzen ist es wichtig, fehlerfreies und klares Feedback bezüglich der Korrektheit zu haben. Bei Spielen ist Gewinn oder Verlust klar definiert.
  • Unbegrenzte Trainingsdaten: Trainingsdaten müssen sich unbegrenzt generieren lassen (die Zahl möglicher Schachspiele oder Rechenaufgaben ist unendlich). Sinnvolle Sprachtexte sind wohl bereits alle erfasst.
  • Feedback in Maschinen-Geschwindigkeit statt stark verzögertem Richtig/Falsch-Feedback von Menschen (schlecht bezahlt, irgendwo in Afrika).
  • Messbare, verifizierbare Zielvorgaben: Der Gewinn eines Spieles ist Endziel des Trainings und klar definiert. Ob eine Textantwort gut ist, ist oft Geschmackssache.
  • Wenn diese Faktoren gegeben sind, ist das Training der künstlichen neuronalen Netze um viele Größenordnungen einfacher und effektiver. Diese Faktoren sind bei allen Spielen erfüllt, bei denen ein klarer Gewinner ermittelt wird, aber auch in Teilen der Mathematik (mit Hilfe von automatischer Beweisführung in ↑(opens in a new tab)Lean [wiki]). Dies trifft auch teilweise auf das Programmieren zu (Vibe Coding). Erstellte Programme müssen sich fehlerfrei "übersetzen" lassen und vordefinierte Tests erfüllen. In den meisten anderen Gebieten ist die Rückmeldung bzgl. Korrektheit um Größenordnungen langsamer und manchmal diskussionswürdig.

     

    3. Bringt generative AI jährlich 2-stelliges Wirtschaftswachstum?

    Die kurze Antwort: Eher nein! Die lange und recht wissenschaftliche Antwort findet sich in ↑(opens in a new tab)Ben Moll & Alex Imas: Will AI Soon Lead to Double-Digit [Annual Economic] Growth? Hier meine vereinfachte Zusammenfassung.

    Die Begründung und Rechtfertigung für die gigantischen Investitionen in die AI-Rechenzentren (und die dafür notwendigen Gaskraftwerke) mit geborgtem Geld liegt in der Hoffnung auf gigantische Produktivitätssteigerungen durch generative AI für die gesamte Wirtschaft, irgendwie sollen diese Investition ja eine Rendite abwerfen.

    In der Technikgeschichte finden sich frühere Erfindungen, die gewaltige Produktivitätssteigerungen gebracht haben. Bekannte Beispiele sind zB:

  • Einführung der Dampfmaschine als Ersatz für Wasser-, Wind-, Pferde-, Rinder- und Menschenkraft,
  • die gewaltigen Investitionen für den Ausbau der Schienennetze in Europa, USA und teilweise auch in den Kolonien wie Indien, ...
  • die großen Generatoren und Stromnetze für flächendeckende Stromversorgung, beginnend in den Städten und Industriezentren,
  • Einführung der Elektromotoren und später Verbrennungsmotoren in den Fabriken zum Ersatz der unflexiblen Dampfmaschinen,
  • Flächendeckende Ablösung der Pferde und Rinder in der Landwirtschaft durch Traktoren
  • Jeder dieser Technologiefortschritte hat eine Vervielfachung der jeweiligen Produktivität gebracht, aber auch oft viele Jahrzehnte Zeit benötigt.

    Der sehr detaillierte Aufsatz diskutiert, welche ökonomischen Wachstumsraten möglich wären durch die mögliche Umstellung von Jobs, die derzeit von Menschen ausgeführt werden, auf Ausführung durch generative AI. Die Autoren starten mit einer Einführung in ökonomische Wachstumsmodelle und die Beschränkungen des ökonomischen Wachstums, die diese Modelle berücksichtigen. Sie finden dabei eine lange Liste von Herausforderungen für eine schnelle Umstellung möglichst großer Teile der derzeitigen Wirtschaft auf generative AI-Methoden. Selbst unter optimalen Umständen finden Produktivitäts-Steigerungen durch neue Technologien sehr zeitverzögert statt. Sie verweisen zB auf die Umstellung der Fabriken in Europa auf Elektrizität ca. 1900, die viele Jahrzehnte gedauert hat.

    Kurze Zusammenfassung: Ben Moll & Alex Imas sehen für eine schnelle flächendeckende Umstellung der Wirtschaft auf generative AI-Systeme sehr viele Hürden und sehen daher alle propagierten Wirtschaftswachstumsprognosen von OpenAI und Anthropic als zu übertrieben an. Aber nur ein solch unrealistisches Wirtschaftswachstum könnte die derzeitigen Investition wieder hereinbringen.

    Das scheinen mittlerweile auch einige Investoren erkannt zu haben: Der ↑(opens in a new tab)Bau von KI-Rechenzentren kommt in den USA ins Stocken. Wie der Artikel berichtet, wurde noch nie ein so großer Anteil des Bruttoinlandsprodukts in eine neue Infrastruktur gesteckt, wie bei generativer AI. Der Anteil von 3,6% ist höher, als in den Hochzeiten des Eisenbahn- oder Straßenbaus zusammen. Der Eisenbahnbau machte Ende des 19. Jahrhunderts 2,2% aus, der Straßenbau (Autobahnen) Mitte des 20. Jahrhunderts 1,1%. Selbst für den rasanten Ausbau des Internets in den Jahren 1996 - 2000 wurden nur 1,1% des Bruttoinlandsprodukts investiert. Letzteres führte zur sogenannten ↑(opens in a new tab)„Dotcom-Blase“ [wiki] – die dann 2000 platzte. Die damaligen Internet-Investitionen lagen um Faktor drei unter dem, was derzeit in generative AI gesteckt wird.

    Die Investitionen in die AI-Rechenzentren fließt wohl derzeit, im vierten Jahr "nach ChatGPT", nicht mehr so schnell. 47 große Bauvorhaben sind verzögert, gestrichen oder blockiert worden. Auch die Aktie von ↑(opens in a new tab)CoreWeave [wiki] (einem der großen Rechenzentrums-Investoren) verlor in dieser Woche rund 25% an Wert. Es sieht ↑(opens in a new tab)nicht gut aus für CoreWeave und viele andere Tech-Aktien. Anthropic, das bald an die Börse gehen will (und deswegen ihre Finanzzahlen offen legen müssen), berichtet kräftiges Wachstum bei den Verlusten: ↑(opens in a new tab)Im ersten Halbjahr 2026 80 Milliarden $, verglichen mit 13 Milliarden im Vorjahreszeitraum.

    Selbst an der Wiener Börse wirkt sich die Unsicherheit der Anleger aus: ↑(opens in a new tab)Wiener Börse rutscht 4,60 Prozent ab und: ↑(opens in a new tab)Die AI-Story wird brüchig – Kapitalgeber fürchten um Milliarden-Investments. Der Branche fehlt das Geschäftsmodell.

    Hier noch eine andere Darstellung mit einigen Grafiken zum derzeitigen Stand: ↑(opens in a new tab)Torsten Slok: No Signs of AI Payoff Outside the Tech Sector. Hier seine Punkte: für die Firmen des S&P 493 (dh ↑(opens in a new tab)S&P 500 [wiki] minus die 7 großen Tech-Firmen) gilt, dass sie keine Produktivitätssteigerungen pro Beschäftigten haben, kein Anstieg von Umsatz oder Gewinn, die Firmen nutzen AI, zahlen dafür aber auch kräftig. Alle Steigerungen sind auf den engen Kreis der Tech-Firmen limitiert.

     

    4. Ergänzungen früherer Beiträge

    AI und Urheberrechte / Copyright

    Die Privatisierung des Wissens der Menschheit für den Profit einzelner Unternehmen (bzw. Unternehmer) wird auch von Microsoft Mitarbeitern laut Gerichtsdokumenten sehr kritisch gesehen: ↑(opens in a new tab)KI-Training "größter Diebstahl von Arbeitskraft in der Geschichte". Dafür ist es eigentlich egal, ob das Wissen explizit unter Copyright-Schutz steht oder nicht. Die Manager von OpenAI und Microsoft ignorierten ihre eigene Rechtseinschätztung im eigenen Interesse ganz bewusst. Der Leiter der ChatGPT-Entwicklung bei OpenAI sah die AI-Systeme als "existenzielle Bedrohung" für Verlage und ging davon aus, dass Chatbots konventionelle Medien nach und nach verdrängen würden.

    Es geht um das Verfahren der New York Times gegen OpenAI und Microsoft. Die Entscheidung des ↑(opens in a new tab)United States Court of Appeals for the Third Circuit [wiki, ein Berufungsgericht, dh eine höhere Instanz] zu diesem Thema ist: ↑(opens in a new tab)AI training of copyrighted material is not fair use. Bei diesen Verhandlungen waren die oben zititerten internen Dokumente an das Licht der Öffentlichkeit gekommen.

    Falls die Unternehmen zu kräftigen Zahlungen für die Nutzung der Trainingsdaten verurteilt würden (Anthropic war bereits in ↑(opens in a new tab)einem Fall zur Zahlung von 1,5 Milliarden US-Dollar verurteilt worden), dann treibt dies die Kosten für das Anbieten von Chatbots weiter nach oben, siehe Konkurs von character.ai, trotz oder wegen der hohen Nutzerzahlen. Hier mein voriger Beitrag zur kostenlosen Nutzung des menschlichen Wissens und der menschlichen Kreativität.

     

    AI-Agenten, Kontrollverlust und Datenschutz - AI-Agent Muse von Meta

    AI-Agenten, dh Programme auf der Basis generativer AI, die mehr oder weniger selbstständig mit sehr begrenzter Überwachung Aufgaben erledigen war bisher eine Anwendung für "IT-Profis". Damit sich der Einsatz generativer AI wirklich durchsetzt und sich die Investitionen finanziell auszahlen, da reichen gelegentliche Fragen an Gemini oder ChatGPT nicht aus. Diese Investitionen rechnen sich nur, wenn AI-Systeme unseren gesamten Tagesablauf begleiten und wir kostenpflichtige Abos mit nennenswerten monatlichen Kosten haben.

    Deswegen hat Meta den ↑(opens in a new tab)AI-Agenten Muse auf den Markt gebracht, derzeit nur in USA und Kanada. Es gab wohl ↑(opens in a new tab)interne Sicherheitsbedenken (Gastzugang), aber ↑(opens in a new tab)Meta wollte im Rennen um die Dominanz bei der AI-Nutzung nicht zurückbleiben. Der persönliche AI-Assistent Muse soll selbstständig einkaufen, telefonieren, Termine ausmachen, die täglichen Aktivitäten übernehmen. Dafür braucht Muse natürlich Zugriff auf Email und Zahlungsdaten. New York-Times-Autor Eli Tan hat Muse zwei Wochen lang Zugriff auf Bankkonto, E-Mail und Alltag gegeben, ↑(opens in a new tab)er ist beeindruckt, aber es gruselt ihn genug, dass er damit aufhört (Gastzugang).

    Meta sieht 2 Wege, ↑(opens in a new tab)mit dem AI-Agenten Muse Geld zu verdienen: die Nutzer müssen ein Abo für die Muse-Nutzung abschließen (10 Millionen Nutzer hat der KI-Agent Muse bereits in den USA und Kanada), außerdem sollen Händler bei Einkäufen durch Muse eine Provision an Meta zahlen (der durchschnittliche Muse-Einkauf liegt angeblich bei kräftigen 200$). Unsicher ist noch, ob Meta die Betriebskosten so weit senken kann, dass das Angebot profitabel wird. Meta bestätigt, dass die Betriebskosten für die AI-Dienste höher sind als die für seine Social-Media-Plattformen. Ich erinnere an den Konkurs von character.ai, nicht wegen fehlenden Kunden, sondern weil die Kunden zu aktiv waren und die Betriebskosten explodiert sind.

    Ein Forscher brachte Muse dazu, sein Dateisystem zu exportieren um zu sehen, was mit seinen Daten passiert: ↑(opens in a new tab)Metas KI-Agent Muse darf nichts "vergessen", muss aber darüber schweigen. Dh auch versprochene Privatsphäre oder Vertraulichkeit ist nicht realisiert, im Gegenteil. Die AI analysiert die Beziehungen zu anderen Menschen im Detail und vervollständigt das bereits durch Instagram, Facebook und Whatsapp aufgebaute Beziehungsgeflecht.

    Nun hat ↑(opens in a new tab)Meta eine Funktionalität von Muse abgedreht. Mit dieser Funktionalität konnten Muse-Nutzer Antworten von Muse mit anderen teilen. Techniker einer Sicherheitsfirma fanden diese Inhalte öffentlich erreichbar im Internet, mit zum Teil sensiblen, internen Daten der Muse-Nutzer.

    Eine Zukunft, in der nur noch AI-Agenten im Web einkaufen, das finden natürlich nicht alle Händler gut; ↑(opens in a new tab)Ausgesperrt: Amazon blockiert Metas KI-Agenten Muse in seinem Online-Shop. Es geht um Kontrolle und künftige Umsatz- und Werbeeinnahmen. Aber auch andere Websites wären beeinträchtigt: Warum bei der Google-Suche Werbung schalten, wenn die Suche nur noch von AI-Agenten genutzt wird? Wie eine Zeitungswebsite betreiben, wenn die Inhalte nur noch von AI-Systemen abgerufen werden, ohne dass menschliche Nutzer Werbung sehen können?

    Werbung ist ein gutes Stichwort, wir werden durch AI-Nutzung sehr transparent: ↑(opens in a new tab)Werbeindustrie liest mit: AI-Chatbots schicken Inhalte aus Gesprächen an Tracking-Firmen. 6 von 9 untersuchten AI-Chatbots übermitteln laut einer Studie Gesprächsinformationen an Tracking- und Werbedienste. Betroffen sind auch bekannte Angebote wie ChatGPT, Claude und Gemini.

    Wer haftet eigentlich für die Aktionen der AI-Agenten?

    In Bezug auf die Haftung für Handlungen von AI-Agenten, die mehr oder weniger selbsständig im Auftrag ihrer "Besitzer" handeln, könnte es noch Klärungsbedarf geben. US-Banken haben derzeit Angst, dass sie für unautorisierte Zahlungen durch AI-Agenten ihrer Kunden haften müssen. Sie versuchen, die Agenten von ↑(opens in a new tab)Zugriffen auf die Kunden-Konten abzuhalten.

    In der EU ist die Haftung von Banken in der Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 geklärt. Laut einem EuGH-Urteil (Az. C-70) müssen Banken nicht autorisierte Zahlungen unverzüglich erstatten. Die Bank kann danach versuchen, sich das Geld über ein Gerichtsverfahren vom Kunden zurückzuholen. Ob eine generelle Haftung der Banken auch für Zahlungen durch AI-Agenten des Kunden gilt, wird vor Gerichten geklärt werden.

    Technisch ist das Aussperren von AI-Agenten nicht ganz einfach. AI-Agenten lösen die lästigen ↑(opens in a new tab)Captcha-Tests [wiki] oft schneller als ein Mensch und sie greifen mit den Autorisierungen des Kunden auf das Konto zu.

    Hier mein voriger Beitrag zu AI-Agenten.

     

    AI-Journalisten posten Propaganda

    Bereits im September 2026 hatte ich berichtet, dass Gruppen in Iran, China und Israel testen, wie sie mit Hunderten AI-Agenten, die jeweils viele Instagram, Facebook, X und TikTok-Accounts anlegen und dort Diskussionen starten, massiven Einfluss auf die Bevölkerung bekommen können, zB bei den kommenden (bzw. laufenden) US-Wahlen: ↑(opens in a new tab)Iran and China Create First-of-Their-Kind Autonomous AI Influence Campaigns (Gastzugang).

    Im Okt. 2026 gibt es Ergänzungen dazu: ↑(opens in a new tab)Iranian operatives used AI to plant fake stories in multiple US media outlets. OpenAI berichtet, dass die AI-Agenten "falsche Journalisten" generieren, die dann ca. 100 Artikel in ca. einem Dutzend Zeitungen platzieren konnten, nicht nur in den USA.

     

    Palantir in Europa

    Ein Beispiel, wie das Unabhängig-Werden von den USA schwierig sein kann, ist Palantir, gegründet vom recht fanatischen Peter Thiel, geführt von Alex Karp, kaum weniger problematisch, beide waren hier schon oft das Thema. Grundlage für diese Ergänzung ist eine länderübergreifende Recherche von europäischen Journalisten: ↑(opens in a new tab)Palantirs Geschäfte in Europa.

    Das Palantir-System Maven spielt eine große Rolle in den US-Kriegsaktivitäten, aber auch bei der Polizei (einige deutsche Polizeibehörden sind ganz scharf drauf) und ganz groß im britischen Gesundheitssystem NHS.

    Als besonders kritisch wird der Einsatz im Militär gesehen. Bisher haben sich nur die Schweiz, Deutschland, Frankreich und Griechenland klar von einem militärischen Maven-Einsatz distanziert, sie suchen nach eigenen AI-Systemen. Aber ganz kommen NATO-Länder um den Anbieter doch nicht herum – sie müssen es nützen, wenn sie im Rahmen der NATO agieren. Dänemark, Finnland, Italien, Niederlande, Ukraine, Spanien, Schweden und Großbritannien haben Palantir-Systeme im Einsatz, Polen möchte auch gern.

    Welch gute Erpressungsmöglichkeiten sich da, analog zu den Musk-Eingriffen in den Ukrainekrieg, für die USA ergeben!

     

    Govcamp 2026 in Wien - 16. November 202

    Auch in diesem Jahr gibt es wieder ein govcamp in Wien - ich bin als Chaos Computer Club-Mitglied Teil der Veranstalter. Das Motto ist: "Wie schnell ist zu schnell? - Digitale Spannungsfelder zwischen Geschwindigkeit, Souveränität, Zuverlässigkeit und Transparenz". Datum: 16. November 2026 Nachmittags.

    Die Veranstaltung findet im ↑(opens in a new tab)Barcamp-Format [wiki] statt, dh die Veranstalter stellen das Motto und die Räume, die Teilnehmer:innen schlagen Themen vor, die dann in Arbeitsgruppen 45 Min. lang diskutiert werden. Im Plenum wird am Ende eine Zusammenfassung präsentiert. Details hier: ↑(opens in a new tab)govcamp 2026 in Wien.

     

    Kostenlos: ÖIAT-Online-Seminare

    Kostenlose Online-Seminare organisiert das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation (↑(opens in a new tab)ÖIAT). Hier die kommenden Termine und Themen - alle diese Schulungen sind empfehlenswert.

    Die Termine und Themen der neuen Online-Kurse: (zumeist abends, manchmal auch nachmittags oder morgens)

  • 03. Nov. | Webinar: Männersache – Frauensache: Vorurteile in digitalen Medien
  • 09. Nov. | Webinar: Über Pornografie reden
  • 10. Nov. | KI und Online-Shopping: Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen für den Konsumentenschutz
  • 10. Nov. | Webinar: Cybermobbing: Erkennen, handeln, unterstützen
  • 11. Nov. | Webinar: Digitale Aspekte in Kinderschutzkonzepten
  • 11. Nov. | Webinar: Wie erkenne ich betrügerische Werbung in sozialen Netzwerken?
  • 17. Nov. | Webinar: Medienkompetenz – was ist das eigentlich?
  • 24. Nov. | Webinar: Gesundheit im Netz: Unrealistische Wirkversprechen entlarven
  • 01. Dez. | Webinar: Sicheres Online-Shopping
  • 03. Dez. | Webinar: Rechtliche Fragen und Antworten zu Cybergewalt an Minderjährigen
  • 15. Dez. | Webinar: Täuschend echt - Deepfakes und KI Im Kontext sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
  • Anmeldung auf ↑(opens in a new tab)academy.oiat.at - der Zoom-Link kommt dann per Email - wie gesagt: m.E. sehr empfehlenswert.