236. Newsletter - sicherheitskultur.at - 12.03.2026
von Philipp Schaumann
Letzte Ergänzungen 11.03.2026
Hier die aktuellen Meldungen:
1. Überwachung mit Amazon Ring-Türkameras
Beim Super Bowl in den USA gab es bzgl. einer Werbe-Einschaltung der Firma Ring [wiki], Tochter von Amazon, einige Aufregung.
Die Firma Ring bietet "intelligente" Türklingeln "Video Doorbell", mit der Hausbesitzer ihre Vorder-, Rück- und Garagentore fernüberwachen können. Wenn die Türklingel gedrückt wird, beginnt ein Videoanruf. Der Eigentümer kann die Besucher sehen und mit ihnen sprechen. So weit, so OK, aber die Mission des Unternehmens ist, "Nachbarschaften sicherer zu machen" und Kriminalität zu bekämpfen.
Alle Kameras senden kontinuierlich ihre Datenströme an Ring. Es wurde berichtet, dass Ring teilweise die Videos auch ohne Rücksprache an die lokale Polizei weitergegeben hat, auch in Deutschland. Amazon bestätigte das 2022 in den USA und 2022 auch für Deutschland.
Nach Protesten war der Datenaustausch beendet worden, ab April 2025 stehen Videoströme aber wieder ohne richterlichen Beschluss für die Polizei zur Verfügung. Dies geht heute in den USA über das Beweismittelverwaltungssystem von Axon, über das die Polizei Anfragen an alle Ring-Geräte in einer bestimmten Gegend schickt, die Kamerabesitzer können dann Einspruch erheben.
Das Werbe-Video von Superbowl 2026 ist nun zu einem Eigentor geworden, es hat einen sehr großen Teil der Zuschauer eher abgeschreckt. NY Times: Ring’s Founder Knows You Hated That Super Bowl Ad oder Golem: Angst vor Massenüberwachung durch Ring-Kameras oder im Standard: Amazon Ring und die Pläne zur Totalüberwachung von ganzen Nachbarschaften.
Beworben wird in der Werbung eine neue Funktionalität "Search Party". "Search Party" ist dafür gedacht, entlaufene Tiere mit Hilfe quasi flächendeckender Überwachung, in Verbindung mit einem AI-System, wiederzufinden. Der Besitzer des entlaufenen Tieres hält dafür ein Foto des Tieres in die Kamera und das System durchsucht die Nachbarschaft nach diesem Tier, ein durchaus rührendes Video.
Kritiker befürchten, dass "Search Party" auch für die Suche nach Menschen und zur Massenüberwachung verwendet werden könnte. Immerhin hat Ring vor kurzem die Gesichtserkennung "Familiar Faces" präsentiert, mit der zB die Gesichter von Familienmitgliedern oder Nachbarn im System voreingespeichert werden können. Die Ängste stehen auch vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage in den USA und der Partnerschaft von Amazon Ring mit Flock Safety [wiki], einem Überwachungsunternehmen mit Regierungsverträgen. Kritiker befürchten, dass Amazon direkt oder indirekt, Daten an die US-Regierung weitergibt. ICE [wiki] wäre an dieser Funktionalität sehr interessiert, siehe ihr derzeitiger IT-Einsatz.
Ring betont nun, die menschliche Gesichtserkennung "Familiar Faces" werde unabhängig von Search Party betrieben. Der Chef von Ring, Jamie Simonoff, gibt sich geläutert: sie werden in Zukunft solche Überwachungsübersichten wie in diesem Video nicht mehr in der Werbung nutzen. Er sieht wohl ein, dass das Überwachungsbild ein taktischer Fehler war. Aber in einer internen Email schreibt er: the feature was introduced “first for finding dogs,” but that it or features like it would be expanded to “zero out crime in neighborhoods”. Dh er hängt weiter seiner Theorie an, dass Kriminalität verschwinden wird, wenn Privatsphäre erst mal verschwunden ist.
Die angekündigte Zusammenarbeit mit Flock Safety dürfte auch trotz der aktuellen Kritik weiter verfolgt werden. Zitat: "Bei der Integration werden wir sicherstellen, dass die Funktion ausschließlich für die Nutzung durch lokale Behörden für öffentliche Sicherheit entwickelt wird – denn genau dafür ist das Programm konzipiert". Kritiker merken an, dass lokale Behörden die Daten an Bundesbehörden weitergeben können (oder in Zukunft müssen).
Die im Text erwähnte US-Securityfirma Flock Safety betreibt rund 78.000 Überwachungskameras in etwa 6000 Gemeinden. Ursprünglich sollten die Kameras Autokennzeichen erfassen, die Software wurde aber dann erweitert und heute werden damit auch Autos und Lenker an Hand von anderen Merkmalen erfasst und getrackt. Diese Daten lassen sich durch lokale Polizeibehörden auch ohne Gerichtsbeschluss abfragen und ICE bekommt angeblich Zugang zu den Daten über lokale Behörden.
Nun gibt es eine Vandalismuswelle gegen diese Überwachungskameras in den USA. Kameras wurden demontiert oder beschädigt und Täter stehen vermehrt von US Gerichten.
Der Autor des Artikels: It's time to get rid of networked cameras betont, dass dies ja nicht das einzige Überwachungsnetz ist. Die smart-home Firma Google Nest [wiki] betreibt ein ähnliches System in Verbindung mit ihrem Alarmsystem Nest Guard. Apple arbeitet angeblich an einem ähnlichen System mit FaceID-Gesichtserkennung [wiki]. Viele Firmen und Hausverwaltungen setzen ähnliche Systeme ein, oft verbunden mit staatlichen Institutionen.
ICE ist übrigens ein großer Fan von Gesichtserkennungssystemen: ICE mobile app scans protester's face, revokes her TSA PreCheck status. Wie im vorigen Newsletter beschrieben: ICE + moderne IT-Technologien = Überwachungsdystopie.
2. "AI-Krieg"
Mehrere Artikel schreiben darüber, dass der Iran-Krieg von Donald Trump der erste AI-Krieg sei. AI-Krieg, weil Claude von Anthropic, integriert in das Tool Maven von Palantir, offenbar entscheidend für die rasend schnelle Auswahl von Zielen für die Bombardierungen durch die USA und Israel ist. Und wohl auch bei der Zielauswahl beteiligt war, die zur Bombardierung der Mädchenschule mit 175 Toten geführt hat.
Oder sollte der Krieg eigentlich Epstein-Krieg heißen? Seit Kriegsbeginn ist Epstein nicht mehr das große Thema in der Öffentlichkeit, aber das ist ein anderes Thema. Eigentlich war aber der Gaza-Konflikt der erste AI-Krieg, wie auf den Chaos Computer Kongressen der letzten 2 Jahre ausfühlich dokumentiert wurde.
Außerdem spielt generative AI offenbar noch eine weitere Rolle bei der massenhaften Generierung von Fake Videos von angeblich erfolgreichen iranischen Drohnen-Angriffen auf Ziele in arabischen Ländern. Und AI spielt auch eine Rolle bei der automatischen Generierung von Übersichtsdarstellungen auf der Basis von automatischen Daten wie den Schiffs- und Flugzeugbewegungen im Nahen Osten.
Und dann ist da noch die fast schon absurde Episode, dass Anthropic und seine Software Claude (die für die Zielauswahl eingesetzt wurde und wird) offiziell als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde (weil Anthropic korrekterweise sagt, dass halluzinierende AI-Systeme keine Zielauswahl und damit Entscheidungen über Leben und Tod treffen sollen) und von der US-Regierung ein Nutzungsverbot für alle Firmen bekommen hat, die auf Aufträge des Verteidigungsministeriums (heute Kriegsministeriums) hoffen.
Sam Altman ist dann für seine Firma OpenAI schnell als Ersatz eingesprungen, aber das Pentagon hat beide Systeme gestestet und will Claude und nicht OpenAI. Auch beim Kidnapping von Maduro in Venezuela soll Claude kräftig im Einsatz gewesen sein.
Den größeren Ursachen-Zusammenhang bzgl. der AI-Besessenheit der US-Regierung beschreibt Gary Marcus in There are no heroes in commercial AI. Sein Punkt ist, dass spätestens seit 2023 viele Vertreter der Firmen rund um generative AI (wie Anthropic und Open AI) unglaubliche Versprechen über die alles verändernden Fähigkeiten ihrer Systeme machen:
Das heißt, die Vertreter der generativen AI-Firmen und Journalisten, die ihre Geschichten begeistert weiterverbreiten, haben die realen und vor allem die potentiellen Fähigkeiten der generativen Sprachmodelle so gehypt, dass schlichte Menschen (wie die US-Regierung) darauf hereinfallen und wirklich glauben, dass ein so wichtiges Werkzeug für die Weltherrschaft natürlich nicht unter der Kontrolle von strategisch unzuverlässigen Firmen wie Anthropic (die immer wieder von ihrer Verantwortung gegenüber der Menschheit reden), sondern nur unter Kontrolle der US-Regierung stehen darf.
Die neue US-Kriegsstrategie lautet: Accelerating America's Military AI Dominance. Auf 6 Seiten wird aufgelistet, dass generative AI nun überall eingesetzt werden muss: "2026 will be there [sic] year we emphatically raise the bar for Military AI Dominance".
3. Ergänzungen früherer Beiträge
Digitales Stalking / Spyware
Spyware, dh Software die heimlich auf einem Smartphone installiert wird und dann das Leben des Opfers mehr oder weniger transparent macht, war hier leider bereits öfters Thema: die ganze Industrie hinter der staatlichen Spyware, aber auch Spyware im familiären Einsatz. Ein starker Anbieter für Spyware für Stalking ist leider mSpy [wiki].
Die Firma vermarktet sich primär für den Einsatz in der Familie, aber der Support von Spyware hilft auch gern dabei, die Software auf dem Smartphone des (Ex-)Partners zu platzieren. Vermutlich sind (Ex-)Partner der häufigste Anwendungsfall. Denn für die Smartphones von Kindern brauche ich mE keine separate Software, Google Family Link (für Android, iOS und PC) und iOS Familienfreigabe sind meistens ausreichend, siehe das Wiki-Kapitel Parental controls on mobile devices. ABER: auch zwischen Eltern und Kindern sollte so etwas nicht heimlich passieren, die Kinder müssen wissen, dass die Eltern zB ihren Standort kennen (damit sie sich keine Sorgen machen müssen).
Anlass für diesen Artikel ist: Digitales Stalking: „Er wusste immer genau, wo ich war“. Ein konkreter Fall wird analysiert und beschrieben, der Artikel zeigt, wie invasiv und bedrohlich frei verfügbare Spionage-Apps sind.
Fortschritte bei der US-Überwachungsdystopie
Ich hatte bereits über die IT-Technologien von ICE berichtet, aber dazu gibt es nun Details zur Eskalation zwischen den AI-Firmen und der Trump-Regierung. Die Trump-Regierung will generative AI für Kriegsführung und flächendeckender Überwachung der Bevölkerung, einige der AI-Firmen wehren sich, Details siehe Link.
USA gegen Europa
Im Januar hatte ich berichtet, dass die US für die Beibehaltung des US VISA-Waiver Programmes [wiki] automatisierten Zugriff auf EU-Polizeidaten wünschen, mehr als sich die EU-Staaten gegenseitig erlauben. Es sieht ganz danach aus, als würde die EU diesem Zugriff mit weitgehenden Rechten zustimmen.
Die europäischen Bemühungen, eine stärkere digitale Unabhängigkeit von den US-Anbietern zu erreichen gefallen weder Trump noch den Tech-Oligarchen. US-Diplomaten sollen europäische Datensouveränität bekämpfen. Die US-Regierung drängt auf eine "aggressivere, internationale Datenpolitik der USA". Die Diplomaten sollen "unnötig belastenden Regulierungen, etwa einer Pflicht zur Datenlokalisierung, entgegenwirken".
Eine stärkere digitale Unabhängigkeit von den US-Anbietern würde ja auch den US-Sanktionen, zB gegen Richter am Internationalen Strafgerichtshof und gegen EU-Politiker, "den Biss" nehmen. Beim digitalen Omnibus, dh dem Versuch der EU-Kommission (vermutlich primär auf Wunsch der Tech-Oligarchen) Datenschutz und AI-Act auszuhebeln, gibt es nun sogar Gegenwind vom EU-Rat, dh der Vertretung der Länder: EU-Staaten gehen teilweise auf Abstand zu digitalem Omnibus - die angebliche "Vereinfachung" klingt für manche wie ein Rückbau von gewünschter Regulierung.
ChatGPT Health Test
ChatGPT Health ist in Europa (noch) nicht verfügbar, wurde aber in den USA gründlich getestet und zwar mit gemischten Ergebnissen. Die Details finden sich im vorigen Link - hier die ganz kurze Zusammenfassung: Das Sprachsystem lässt sich von Nebeninformationen 'ablenken' und erkannte dann in der Hälfte der getesteten dringenden Notfälle nicht die notwendige Eile. Auch bei der Erkennung der Suizidgefährdung ließ sich das System oft durch Nebeninformationen ablenken.
KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche, Social Media-Sucht, Handyverzicht
Nach der Online-Präsentation der Studie und ihrer Ergebnisse habe ich Links zu vielen Materialien zu AI und Schule ergänzt. An anderer Stelle wurden viele brisante Details rund um die Prozesse zu Social Media-Sucht ergänzt. Weitere Ergänzungen gibt es bei 3 Wochen Handyverzicht in Österreich.
Ellison will die Kontrolle über CNN
Die Familie Ellison ist gerade dabei, die Kontrolle über CNN zu übernehmen. Ich hatte Larry Ellison [wiki] bei meinem Überblick über die US-Tech-Oligarchen vergessen. Ellison ist Gründer des führenden Datenbank-Anbieters Oracle und einer der reichsten Menschen der Welt. Ellison steht der Republikanischen Partei und speziell Trump sehr nahe und spendete großzügig für Trump-nahe Politiker. Auf Hawaii gehört ihm die 3.300-Einwohner-Insel Lanai [wiki] inzwischen nahezu komplett. Gegen Ende 2025 hat er seinen Wohnsitz aber nun nach Florida verlegt, 20 Autominuten von Donald Trumps Mar-a-Lago entfernt.
2025 übernahm er (auf Wunsch von Trump) als Teil einer Investorengruppe mehrheitlich das US-Geschäft TikToks. Nun (Februar 2026) steht seine Familie kurz davor, die Kontrolle über CNN zu übernehmen. Netflix zieht sich aus dem Bieterwettstreit um Warner Bros zurück und macht den Weg frei für Paramount. Paramount gehört mehrheitlich dem Ellison-Clan. Sein Sohn David führt das Unternehmen und gilt, genau wie Vater Larry, als enger Verbündeter von Donald Trump. Der Standard ist besorgt: "Die Medienmacht der Milliardäre bedroht immer mehr die US-Demokratie".
OpenAI bekommt frisches Geld
Auch ohne dass Hoffnung auf Profitabilität in den nächsten Jahren, wollen Amazon, Nvidia und SoftBank 110 Millarden USD in OpenAI investieren, die größte private Investition in der Wirtschaftsgeschichte. Aber, das Geld, falls es gezahlt wird, wird auch wieder zu Amazon und Nvidia zurückfließen, zusätzlich gibt es noch herausfordernde Bedingungen, hier die Details.
Meta Smart Glasses als Überwachungsalptraum
Bei meinem Text zu Meta Smart Glasses ergänzt: Auch ohne automatische Gesichtserkennung sind diese Brillen mit Kameras ein Überwachungsalptraum, auch für die Brillenträger selbst. In den USA gibt es erste Klagen dagegen. Viele Ergänzungen im vorigen Beitrag.
Kostenlos: ÖIAT-Online-Schulungen
Kostenlose Online Schulungen beim Österreichischen Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT). Hier die kommenden Termine und Themen - alle diese Schulungen sind empfehlenswert (ich nehme an vielen davon Teil).
Die Termine und Themen der neuen Kurse: (Abends, entweder 18:30 - 20:00 oder 17:00 - 20.00)
Anmeldung auf academy.oiat.at - der Zoom-Link kommt dann per Email - wie gesagt: m.E. sehr empfehlenswert.