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Teil 1: Die Bedrohung der Privatsphäre (Privacy)Letzte Ergänzungen: Sept. 2009
Definition Privatsphäre: Vertraulichkeit, Authentisierung, Anonymität und Pseudo-AnonymitätAutoren: Philipp Schaumann und Christian Reiser Dieser Teil des Artikels zu Privatsphäre beschäftigt sich mit den eher theoretischen Aspekten des Schwindens der Privatsphäre und was das für jeden von uns und für die Gesellschaft bedeutet. Viele Beispiele für den Verlust bringt der Teil 3. Privatsphäre (engl.privacy) ist komplexes Konzept mit vielen Aspekten. Im angelsächsischen Recht wird es seit 1890 definiert als 'right to be let alone' (Warren und Brandeis). (Hier der Originalartikel The Right to Privacy.) Seit ca. 1980 werden, hauptsächlich im europäischen Raum, mehrere Dimensionen beschrieben: psychologische Privatsphäre (die psychologisch empfundene Intimsphäre), physische Privatsphäre (z.B. die Unversehrtheit der Wohnung), interaktionelle Privatsphäre (Kontrolle über Interaktionen und Kommunikation) und informationelle Privatsphäre (Vertraulichkeit von Informationen über eine Person). Wenn Internet-Nutzer gefragt werden, ob und wodurch sie ihre Privatsphäre bedroht fühlen, so werden dort vor der Bedrohung der informationellen Privatsphäre Sicherheitsprobleme wie Viren, Würmer und Spyware, und auch das Spam-Problem genannt ('right to be let alone') und e-Crime-Bedrohungen wie Identity Theft. Der Rest des Artikels beschäftigt sich hauptsächlich mit informationeller Privatsphäre. Zwei wichtige Aspekte von informationeller Privatsphäre, die manchmal separat betrachtet werden müssen, sind Vertraulichkeit und Anonymität. Ein Treffen der Anonymen Alkoholiker ist anonym (niemand muss sich mit wirklichem Namen vorstellen), aber es ist nicht vertraulich. Die Treffen sind öffentlich zugänglich und jeder kann zuhören. Und evtl. erkennt der Zuhörer sogar jemand am Aussehen. Vertrauliche Gespräche sind sehr oft nicht anonym, im Gegenteil, eine strikte Authentisierung des Kommunikationspartners ist oft ein Kernaspekt der Vertraulichkeit. Vertraulichkeit und Anonymität sind 2 wichtige Aspekte für den Schutz der Privatsphäre, welches davon im konkreten Einzelfall entscheidend ist, variiert. (Hier mehr zum Thema Anonymität) Was bedeutet für die Autoren informationelle Privatsphäre? Unsere Definition ist: "Ich kann bestimmen, wer was von mir weiß". Diese Definition führt sehr schnell dazu, dass man jeder Person mehrere Privatsphären zuordnen kann: Mein Partner darf nämlich ganz andere Sachen von mir wissen, als mein Chef und der wieder andere als meine Freunde und die wieder etwas anderes als die allgemeine Öffentlichkeit. Und manche Sachen möchte ich ganz allein für mich behalten. (Hier die Definition in der wikipedia).
Ein beliebtes Scheinargument: Ich habe nichts zu verbergenDie nächste Überlegung ist dann: Warum gibt es eigentlich Sachen von denen ich nicht möchte, dass sie einer gewissen Person oder Gruppe bekannt werden? Manche Leute sagen an dieser Stelle schnell "ich habe keine Geheimnisse, von mir kann jeder alles wissen. Alles was ich tue ist legal, ich habe nichts zu verbergen". Oder, wie Google CEO Eric Schmidt in einem Fernseh-Interview erklärte: "If you have something that you don't want anyone to know, maybe you shouldn't be doing it in the first place." Er ist der Meinung "it's important" that all . . . information could be made available to the authorities." Mit diesem Argument hat der Polizeichef von Houston angedacht, man könne doch Geld für Polizisten sparen, wenn in öffentlichen Bereiche, und warum eigentlich nicht auch in den Wohnungen, Kameras aufgestellt würden" - Gegenfrage an ihn: "Sie hätten also kein Problem, wenn bei ihnen im Bad und im Schlafzimmer eine Kamera wäre??? Bei den allermeisten Menschen ist das aber nicht der Fall, obwohl die Tätigkeiten, die die Menschen an diesen Orten ausüben, in 99,99% aller Fälle vollkommen legal sind." Wir behaupten, dass es neben der Illegalität von Handlungen auch viele andere Gründe gibt, warum ich nicht möchte, dass jemand anderes etwas über mich weiß. Dafür führen wir folgende Punkte auf, warum ich etwas vor gewissen Personen oder Personengruppen geheim halten möchte:
Besonders schützenswerte Themenbereiche sind u.a.:
Andererseits kann es sehr wohl ein begründbares Interesse der Gesellschaft (z.B. in der Form des Arbeitgebers) geben, Informationen über solche, an sich privaten, Themenbereiche zu haben. Andererseits kann es (nicht nur für das Unternehmen sehr problematisch sein, wenn ein Alkoholabhängiger allein Nachtdienst hat und dann evtl. nicht in der Lage ist, seine Aufgaben zu erfüllen (und damit evtl. sogar andere gefährdet - das ist keine theoretisches Beispiel). Auch andere Risiken können sich aus solchen "Privat-Problemen" ergeben: ein Spielsüchtiger, der ständig in akuter Geldnot schwebt und in der Buchhaltung in Versuchung geführt werden könnte oder jemand, der aufgrund privater Schwächen erpressbar ist und als Systemadministrator Zugang zu allen Firmengeheimnissen hat. Deswegen gibt es für Arbeitgeber ja auch die Möglichkeit, vor dem Einstellen eines neuen Mitarbeiters ein Führungszeugnis oder eine Kreditauskunft zu verlangen (und damit die Privatsphäre des Kandidaten oder Mitarbeiters zu verletzen). Dies sollte aber unserer Meinung nach nur dann geschehen, wenn wirklich in der jeweiligen Position ein Risiko bestehen würde. Auf jeden Fall verbleibt für das Unternehmen ein Restrisiko, das nicht beseitigt werden kann, denn viele potentielle Probleme aus dem Privatleben erscheinen ja in einem Führungszeugnis erst nach der Verurteilung und sie verschwinden dann später wieder nach Ablauf der Verjährungsfrist. Gesetzliche Regelungen für Privatsphäre und Vertraulichkeit in bestimmten Bereichen gibt es übrigens schon recht lange. Seit 1215 ist mit einem Konzilsbeschluss das Beichtgeheimnis geregelt, auch das Briefgeheimnis und die ärztliche Schweigepflicht haben eine längere Tradition. Warum "Nichts zu verbergen" ein Scheinargument ist, erklärt auch der US-Jurist Daniel J.Solove I’ve Got Nothing to Hide« and Other Misunderstandings of Privacy.
Thema AnonymitätAnonymität ist ein spezieller Aspekt beim Schutz der Privatsphäre. Anonymität bedeutet, dass ich öffentlich handeln kann, ohne meine Identität preis zu geben. Es ist damit eines der Mittel Privatsphäre zu wahren. Anonymität entsteht z.B., wenn ich in einem Geschäft, in dem mich niemand kennt, bar bezahle und nicht über die Bankomatkarte meine Identität preis gebe. Wirkliche Anonymität ist kaum zu erreichen, in der Realität kommen unterschiedliche Abstufungen vor. So hinterlassen wir auch beim Surfen im Internet reichlich Spuren (viele Details siehe Link). Eine viel detailliertere, erheblich weiterführendere Betrachtung zum Thema Anonymität und ihrer Funktion findet sich auf meiner separaten Seite zum Thema. Dort geht es vor allem darum, dass eine menschliche Gesellschaft mit vollständiger Anonymität gar nicht funktionieren kann.
Der schleichende Verlust an Privatsphäre, den wir beobachten, entsteht teilweise dadurch, dass wir uns die Anonymität abkaufen lassen. Dies geschieht z.B. über Vorteile, die ich bei der Benutzung einer Kundenkarte bekomme oder wenn ich mir durch die Speicherung eines Cookies das erneute Login auf einer Website ersparen kann. Dabei wird manchmal eine Pseudo-Anonymität angeboten. D.h. es findet keine wirkliche Verifizierung meiner Identität, z.B. durch Vorlage eines Ausweises statt, sondern ich kann mir einen "Nickname" ausdenken. So ein Nickname ist nur eine Pseudo-Anonymität, weil mit einigem Aufwand, z.B. durch Rückverfolgen der IP-Adresse im Internet und Anfrage beim Internet-Provider sehr wohl die wahre Identität, nämlich die Rechnungsadresse, gefunden werden kann, siehe die Klagen der Musikindustrie gegen Musik-Downloader. Auch ich tausche für den Vorteil von mehr Bequemlichkeit wirkliche Anonymität gegen eine Pseudo-Anonymität ein. Ich surfe von zu Hause statt von einem Internetcafé aus und habe z.B. amazon.de, der NY Times, google.at, standard.at und anderen erlaubt, Cookies zu setzen. D.h. ich muss darauf vertrauen, dass die Mitarbeiter aller dieser Firmen kein Interesse daran haben, meine Surf-Gewohnheiten weiterzugeben und dass auch die Behörden darauf nicht zugreifen wollen. Ansonsten müsste ich mir die Mühe machen, einen Anonymisierungsservice wie z.B. AN.ON oder JAP zu nutzen (was absolut keine technische Herausforderung darstellt, die Installation ist in 10 Minuten erledigt, die Nutzung extrem einfach). Dabei gilt jedoch zu bedenken, dass dieser Service wirklich nur Anoymität herstellt, keine Vertraulichkeit. Bruce Schneier eklärt das hier sehr anschaulich am Beispiel der Anoymen Alkoholiker: TOR und Onion-Routing. Wie leicht solcher Verkehr abgehört werden kann wurde demonstriert, indem jemand systematisch den Verkehr eines der sog. Tor-Endknoten ausgewertet hat. Und es wurde gezeigt, dass sogar SSL-Verbindungen dort routinemäßig abgehört werden. Interessant ist aber auch, wie die Privatsphäre durch Social Networking im Internet freiwillig aufgegeben, bzw. zumindest stark gefährdet wird. Viel mehr dazu an anderer Stelle. Zum Teil wird uns die Anonymität auch genommen ohne dass wir dafür etwas zurück bekommen, z.B. wenn ich eine Zeitung nur dann online lesen kann, wenn ich registriert bin. Wie mein Leben aussehen würde, wenn ich konsequent anonym sein wollte, ist in dieser Satire an anderer Stelle der Website beschrieben. Wie schwierig anonymes Auftreten im Internet ist, zeige ich im Artikel zu Data Mining und De-Anonymisierung.
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Was bedeutet Verlust an Privatsphäre für den Einzelnen und für die Gesellschaft?
These 0: Ein Verlust an Privatsphäre gefährdet Innovation auf allen Gebieten (Kunst, Wissenschaft, Technik) und damit auch unseren typisch westlichen individuellen LebensstilEs ist eine Tatsache, dass Außenseiter, Querdenker und andere Unbequeme in allen Gesellschaften schief angesehen werden. Wer sich nicht an die "herrschende Moral" anpasst, wird schnell diskriminiert. Wir gehen davon aus, dass es für den Einzelnen einen Verlust an Handlungsmöglichkeiten bedeutet, wenn alles was er oder sie tut, möglicherweise anderen bekannt wird. Das bedeutet, dass er/sie vermutlich manche der möglichen Handlungen vermeiden wird, sich einengen, einschränken wird. Wenn ich z.B. vermute, dass die Kenntnis meiner Religionszugehörigkeit negative Konsequenzen auslösen könnte (z.B. am Arbeitsplatz), so werde ich mir evtl. verkneifen, diese Religion offen zu leben (ich werde z.B. auf eine äußere Demonstration durch Fasten oder durch das Tragen von sichtbaren Zeichen wie Kreuz oder Kopftuch verzichten). Das heißt, ich erlebe einen Verlust meiner Freiheit, meiner Verwirklichungsmöglichkeiten als Individuum. Ich spüre dann einen Druck, mein Verhalten mehr nach der Mehrheit der Bevölkerung auszurichten. Ich passe mich mehr an die "herrschende Moral" an, ich werde "Mainstream". (An anderer Stelle dieser Website wird dieser Druck zur Anpassung und sein Gegenstück, das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit ausführlicher diskutiert. Dabei werden Fälle behandelt, wo der Betroffene sich nicht verstecken will, sondern das Recht haben möchte, seine Persönlichkeit in der Öffentlichkeit zu entfalten, z.B. seine sexualle Veranlagung nicht zu verstecken, sondern in einer öffentlichen Hochzeitszeremonie auszuleben. Auch dieser Wunsch ist natürlich absolut berechtigt.) Wenn man aber seine Eigenheiten lieber nicht in der Öffentlichkeit ausleben möchte, so bedeutet ein Verlust an Privatsphäre eine Eingeschränkung seiner Selbstverwirklichungsmöglichkeiten. In unserem modernen westlichen Lebensstil, wo heute jeder versucht, sich als Individuum nach seinen Wünschen und Vorstellungen zu verwirklichen spielt zumindest die Möglichkeit, etwas im Verborgenen tun können, eine wichtige Rolle. Niemand möchte als gläserner Mensch durch die Welt gehen, von dem jeder alles weiß. Eine weitere Erosion der Möglichkeiten zu Anonymität und damit Privatsphäre wird ziemlich sicher Auswirkungen auf die Gesellschaft haben, wie wir sie im Westen seit dem späten Mittelalter kennen und leben. Die Autoren dieses Textes gehen davon aus, dass Innovationen ganz oft von Querdenkern eingeleitet werden, von Menschen, die verschrobene Ideen haben und sich nicht an den Stil der Mehrheit anpassen wollen. Dies betrifft die Musik oder die bildende Kunst (neue Stilrichtungen, neue Kunsttechniken) genauso wie Wissenschaft und Technik. Wer weiß, ob Giordano Bruno und Galileo Galilei je ihre Thesen veröffentlicht hätten, wenn die Behörden sofort erkannt hätten, dass hier jemand quer denkt und den herrschenden Ideologien gefährlich werden könnte. Das Entwickeln von neuen Ideen braucht ganz oft etwas Heimlichkeit. Ein Querdenker muss sich zurückziehen können, muss seine Ideen entwickeln können, ohne dass ihm/ihr ständig gesagt wird "so macht man das aber nicht, so geht das aber nicht!". Wenn dies nicht möglich ist, wenn alles was ich je gesagt oder getan habe, bis an mein Lebensende gegen mich verwendet werden kann, so hat das erhebliche Auswirkungen auf das Klima einer Gesellschaft ("chilling effect", sagt die englische Literatur dazu). Es entsteht ein Klima, wie wir es aus Berichten von Diktaturen kennen. Daniel J. Solove verwendet als literarisches Beispiel hierfür nicht das oft verwendet "1984" von George Orwell, sondern "Der Prozess" von Franz Kafka. Er bezieht sich auf das alptraumhaftes Labyrinth einer surrealen Bürokratie mit unklaren Anschuldigungen, gegen die man sich nicht verteidigen kann, weil sie nie wirklich dargelegt werden. Ähnliche Erlebnisse berichten Mitbürger, die sich gegen falsche Kredit-Ratings (Bonitätsauskünfte) wehren wollen. Dem Thema Bonitätsinformationen nimmt im "Datenschutzbericht 2005-2007" der offiziellen österreichischen Datenschutzkomission (DSK) ein separates Kapitel ein. Sie fordern (Seite 46) vom Gesetzgeber "genauere Regelungen über die Zulässigkeit der Ermittlung von Bonitätsdaten, insbesondere über die zulässigen Quellen, über die Pflichten der Auftraggeber zur Qualitätssicherung bei gespeicherten Bonitätsdaten, über die zulässige Speicherdauer und über die effiziente Durchsetzung der Betroffenenrechte, insbesondere Löschungsansprüche" ein. Für Österreich gibt es jetzt (Ende 2008) ein positives OLG Urteil zum Thema Datenschutz und Bonitätsdaten. Wer in Österreich Bonitätsdaten erhebt, speichert und weitergibt, muss diese Informationen auf Wunsch des Betroffenen innerhalb acht Wochen löschen. Eine Begründung ist für dieses in Paragraph 28 Absatz 2 Datenschutzgesetz 2000 vorgesehene Widerspruchsrecht nicht erforderlich. Außerdem müssen Bonitätsdaten aktuell gehalten werden.
Zu bedenken ist, dass dieses Ausleben der Individualität in der Menschheitsgeschichte eine recht neue Idee ist, die erst seit der Aufklärung hier in Europa zu einem so hohen Stellenwert gekommen ist. Vorher und auch heute in anderen Teilen der Welt, z.B. Asien, gab es entweder recht wenig Privatsphäre (Leben in Horden, kleinen Dörfern, mit 3 Generationen in einem Haus) oder der Verlust wäre nicht so drastisch wie heute empfunden worden. Anderseits gab es früher notfalls die Möglichkeit, das Dorf zu verlassen (was viele Außenseiter getan haben). Diese Flucht aus der Überwachung ist heute kaum noch möglich, alles was im Internet oder in Behördenakten über uns zu finden ist, wird uns immer verfolgen (auch unbedachte Äußerungen in einem Blog, verfasst in jugendlichem Alter). Weitere ausführliche Gedanken, wie Überwachung sich auf die Gesellschaft auswirkt, finden sich in der Wikipedia. Das Thema berührt auch den Schutz der Intimsphäre, der nicht unbedingt nur im Bereich der Sexualität relevant sein muss, sondern alles betreffen kann, was jemand vor anderen Menschen verbergen möchte. Jeder Mensch hat irgendwo eine Intimsphäre, einen Bereich, der nur ihm selbst gehören darf und der für das geistig seelische Wohlbefinden und auch für die Möglichkeit zu innovativem Denken wichtig ist.
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These 1:Die Privatsphäre wie wir sie traditionell kennen, nämlich die Tatsache, dass es vieles gibt, von dem niemand anderer etwas weiß, geht unwiederbringlich und unaufhaltsam verloren. Schnüffel- und Observierungstechnologien die zur Verfügung stehen, werden auch genutzt, wir bekommen den Teufel nicht wieder in die Flasche zurück, auch wenn wir das noch so gern hättenScott Mc Neal, Chef der Computerfirma Sun Microsystems: "You have zero privacy. Get over it." Privatsphäre hat für die Autoren 4 große Aspekte:
Beispiele, wie diese einzelnen Aspekte laufend mehr bedroht werden, findet sich in einem separaten Text: Der laufende Verlust der Privatsphäre. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass es nicht nur um eine einzelne Datenbank geht, sondern dass (speziell in den USA, aber immer öfter auch bei uns) die Verknüpfung der Daten eine neue Qualität des transparenten Bürgers darstellt. Und das die Existenz von Datensammlungen, sie es bei Internetprovidern, Telefonanbietern oder bei Google, Begehrlichkeiten auf diese Daten weckt. Die Geschichte zeigt, dass bei entsprechendem Anlass schnell Gesetze geschaffen werden, die erweiterte Zugriffe ermöglichen. Mehr dazu unter Private Datenbanken. Das britische "House of Lords Commitee" ist in einer Studie zum Schluss gekommen, dass die fortschreitende Überwachung und Sammlung von persönlichen Daten in den Großbritannien die Demokratie gefährdet und sie warnen vor einem Überwachungsstaat. Hier ihre umfangreiche Studie mit der sie das belegen: Surveillance: Citizens and the State (pdf). Ebenfalls aus Großbritannien kommt ein Bericht des "Information Commissioner's Office" (ICO) der besagt, dass dort persönliche Daten in nie gekanntem Ausmaß "verloren gehen" (data breaches). Ein drastisches Beispiel für die Bespitzelung von Bürgern durch einen Staat zeigt diese Auflistung der Daten über einen US-Bürger.
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Mit welchen Reaktionen reagieren die Menschen auf diesen Verlust an Privatsphäre, d.h. dem Verlust an Handlungsmöglichkeiten? Wie versuchen sie sich gegen diese Verunsicherung zu schützen?Wir sind auf eine ganze Reihe möglicher Reaktionen gekommen:
Eine sehr schöne literarische Darstellung wie sich ein Weiterschreiten der Überwachungen auswirken könnte, findet sich in dem empfehlenswerten Buch Ausgespäht und abgespeichert von Simon & Simon: K. weiß, welche Webseiten man besser nicht aufsucht. Selbstverständlich herrscht Meinungsfreiheit, aber wer bestimmte Seiten ansurft, bestimmte Bücher entlehnt oder sich an bestimmten Orten blicken lässt, der fällt auf. Es gibt Namen und Begriffe, die man besser nicht ausspricht, es sei denn, man hat Lust auf ausführliche Gespräche mit einem Neurotherapeuten oder einen Urlaub in einer Klinik, wo sie einem helfen, die zersetzende Wirkung bestimmter Gedanken wieder zu begreifen. Die Union hat alle vor dem Chaos gerettet das jenseits der Grenzländer herrscht und sie kann nicht zulassen, dass Extremisten diese Sicherheit gefährden.
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These 2:Viele Menschen legen zwar verbal Wert auf die Wahrung ihrer Privatsphäre, aber viele Menschen lassen sich diese auch abkaufen, z.B. im Austausch gegen Bequemlichkeit oder leichtem finanziellen Vorteil, z.B. durch Nutzung einer Kundenkarte beim Einkauf.Eine internationale Studie hat untersucht, wie viel den Leuten der Schutz ihrer Privatsphäre wert ist (englisch, 450K). Die Untersuchung, bei der Studenten gefragt wurden, für welche Bequemlichkeit (Zeitersparnis) oder welche Geldsumme sie persönliche Daten hergeben würden. Dabei kamen die Forscher zum Schluss, dass die Bevölkerung in dieser Hinsicht in 3 Gruppen zerfällt: Die Mehrheit (in den USA 72% und in Singapur 84%) lassen sich die Vertraulichkeit ihrer Daten nur schwer abkaufen ("privacy guardians"). 20% der US-Teilnehmer und 8% der Singapur Teilnehmer wurden als "information seller" eingestuft. Wenn man ihnen genügend bietet, haben sie keinerlei Probleme mit der Datenfreigabe. 7% der Teilnehmer aus beiden Ländern "verkauft" ihre Daten eher gegen Bequemlichkeit, z.B. dass der zukünftige Zugriff auf die Website oder der nächste Einkauf schneller abläuft. Eine ähnliche Studie zeigt Asymetrien zwischen dem Wunsch nach Privatsphäre und der recht hohen Bereitschaft, private Daten auch gegen sehr geringe Belohnungen preis zu geben. Dies ist in der Studie gekoppelt mit einer recht naiven Einschätzung dessen, was vermutlich mit den persönlichen Daten passieren wird. Viele Menschen sind auch in Österreich bereit, mit der Bankomatkarte im Supermarkt zu zahlen. Das bedeutet, dass die Einkäufe der jeweiligen Person zugeordnet werden können. Die gleiche Funktion haben auch all die vielen Kundenkarten, die in vielen Geschäften angeboten werden. Gegen gewisse Vorteile (Rabatt) liefert der Kunde eine Statistik seiner Einkäufe ab und erlaubt meist auch gleich noch, dass ihm auf sein Verhalten zugeschnittene Informationen zugesendet werden. Überall, wo Road Pricing (d.h. jedes Fahrzeug zahlt für die Benutzung einer bestimmten Wegstrecke) eingeführt wird, in Ö. und in D. für die LKWs, in Italien, Frankreich und USA für alle, wird entweder gleich für alle das Geld automatisch erhoben (und damit ein Bewegungsprofil erstellt) oder der Bürger hat die Möglichkeit, ein entsprechendes Gerät zu kaufen und dann elektronisch zu zahlen. Solange die Möglichkeit zur Barzahlung noch besteht, kann man es vermeiden, dass der Betreiber eine genaue Aufzeichnung meiner Bewegungen auf der Straße erhält, aber irgendwann werden die Schlangen an den Bargeldkassen so lang, dass es schon viel Prinzipientreue braucht, um ohne Zorn die anderen Autos durch die automatischen Durchfahrten brausen zu sehen. Ein Bewegungsprofil entsteht auch durch die Nutzung von Diebstahlsicherungen auf GPS-Basis, wie sie jetzt immer öfter angeboten werden. Sehr effizient, wie man hört, aber der Aufenthaltsort des Fahrzeugs ist immer bekannt. Ein starkes Beispiel für die Ungezwungenheit, mit der viele Menschen mit der Privatsphäre umgehen, sind auch die vielen lauten Telefonate in der U-Bahn, bei der viel privates erfahren werden kann. Der Widerstand in England gegen Überwachungskameras ist nur sehr spärlich, und auch in Österreich wehren sich nur wenige gegen Kameras im öffentlichen Bereich, z.B. in Restaurants. Die Grenzen der Privatsphäre haben sich ziemlich weit verschoben, siehe die Big Brother Shows und für den verbalen Bereich die Talk Shows am Nachmittag. D.h. einer Reihe von Menschen ist es egal, ob die ganze Welt in ihre Privatsphäre eindringen kann, bzw. sie genießen es, in der Öffentlichkeit zu stehen und ihre 15 Minuten Rampenlicht zu genießen. März 2005, im Rahmen eines Sicherheitkongresses in England, wurden Theaterbesucher nach persönlichen Informationen gefragt. Köder waren ein Schokoladenosterei und die Möglichkeit, in einem Preisausschreiben etwas zu gewinnen. Hier die Ergebnisse:
Einer der Teilnehmer bekam nachträglich Bedenken und bat darum, seine Informationen zurück haben zu können. ;-) Und die Autoren müssen zugeben, dass sie auch nicht ganz so streng mit ihren persönlichen Daten umgehen. Wir sind beide in Xing eingetragen, einem "Business Network". Das ist letztendlich das gleiche im Business Bereich, was die Websites wie friendster.com, Facebook und MySpace im privaten Bereich tun. (Tipps zur besseren Kontrolle unserer Präsenz auf solchen Websites gibt es unter Social Networks und Privatsphäre). Was man auf Xing sehr gut sehen kann ist die Technik des "taggings". Alles, was eine Person über sich schreibt, ist eine Verknüpfung zu allen anderen Personen, die das gleiche geschrieben haben. Dadurch entsteht ein Netz von Personen, die mit der gleichen Uni zu tun haben, die in der gleichen Firma waren, etc. Amazon.com hielt diese Idee immerhin für so interessant, dass sie die Website 43things.com gekauft haben. Noch ein Aspekt: Es scheint, dass die jüngste Generation kaum Probleme damit hat, weitgehend in der Öffentlichkeit zu leben. Viel mehr Details dazu in meinem Beitrag zu Social Networks und Privatsphäre. Ross Anderson hat auf seiner Website eine sehr interessante Sammlung von Artikeln zu Ökonomie, Privatsphäre und Anonymität (engl.), mit Hintergründen und Untersuchungen über das "Sich-abkaufen-lassen" der Anonymität. Aber auch ohne dass wir Geld oder eine andere Gegenleistung bekommen sind wir oft bereit, intime Informationen preis zu geben. Hier ein Link zu einem interessanten Test zu Vertraulichkeitsbewusstsein.
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These 3:Der Trend zu immer mehr Verlust an Privatsphäre durch sich weiterentwickelnde Technologien wird sich nicht nur nicht aufhalten lassen, sondern die Technologien, die in 10 Jahren zur Verfügung stehen werden, sind heute noch kaum vorstellbarWenn wir uns anschauen, wie viel sich in den letzten Jahrzehnten technologisch verändert hat, so ist es sehr wahrscheinlich, dass noch viel mehr auf uns zukommen wird. Die Miniaturisierung von Kameras und Mikrophonen schreitet immer weiter voran, derzeit ist die Stromversorgung noch das größte Problem, aber wenn dies einmal gelöst sein wird, werden winzigste Kameras und Mikrophone, die drahtlos ihre Informationen über Bluetooth oder ähnliche Technologien weitergeben, für jeden Privatbürger erschwinglich sein. Penny-Cams werden solche Zukunftsprodukte oft genannt, weil sie billig sind und so klein wie eine Münze. Hier einer der vielen Spy Shops im Internet.
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These 4:Die Überwachungstechnologien sind heute so weit verbreitet, dass sie oft auch von Privatleuten eingesetzt werden. Durch diese breite Verfügbarkeit wird jeder potentiell überwacht, das schließt auch die Obrigkeit selbst ein. Andererseits sind sensible Daten in Privathänden oft noch erheblich schlechter zu regulieren, als in staatlichen Händen.Beispiele für letzteres finden sich immer öfter, je mehr sich solche Technologien verbreiten
Ergebnis ist, dass jeder Polizist schon heute damit rechnen muss, dass einer der Zuschauer seiner Amtshandlungen mit einer Handy-Kamera alle seine Aktionen in der Öffentlichkeit dokumentieren wird. Außerdem gibt es schon heute Organisationen, die es sich zum Ziel setzen, durch Technologien die Behörden möglichst vollständig zu überwachen. Eine dieser Organisationen, witness.org, verteilt Kameras in der 3. Welt, um Übergriffe dokumentieren zu können. Die Theorie der Vertreter dieser These ist, dass sich auf diese Weise ein Gleichgewicht einstellen wird, bei dem zwar die Behörden sehr viel über die Bürger wissen, andererseits die Behörden auch sehr stark in der Öffentlichkeit agieren (welcher Beamte kann sicher verhindern, dass in 10 Jahren nicht ein Bürger eine dieser winzigen zukünftigten Penny-Cams in seinem Amtszimmer versteckt und ihn ständig bei der Arbeit beobachtet) Die Autoren glauben jedoch nicht, dass ein wirkliches Gleichgewicht je entstehen wird. Die Mittel der Obrigkeit und von Firmen sind einfach sehr viel stärker als die der Privatleute, obwohl sich bei der Technik immer mehr eine Egalisierung einstellt. Der Polizist muss zwar damit rechnen, dass er bei seinem Agieren in der Öffentlichkeit fotografiert wird, aber eine Rasterfahndung kann ich als Privatmann eben doch nicht veranstalten (zum Glück, denn das könnte ja auch von den Kriminellen missbraucht werden). Bei großen Firmen mit großen Datensammlungen kann dies jedoch durchaus anders sein (eine ganz andere Frage: was passiert mit diesen Datensammlungen bei einem Konkurs? Der Konkursrichter ist nicht mehr an die Versprechen des Unternehmens gebunden). Ein weiterer Gedankengang: Wenn es im 3. Reich bereits Handys gegeben hätte, wären dann die KZs verhindert worden? Ich denke nicht, aber ich glaube andererseits, dass mit einer Datenbank wie die ZMR-Daten in Österreich die Verfolgung der Juden noch viel effizienter durchgeführt worden wäre (obwohl auch damals schon kräftig EDV, in Form von Lochkartenmaschinen, eingesetzt wurde. So hatten viele KZs eine Datenverarbeitungsabteilung (letzter Abschnitt im Link).) Ganz stark wird das Argument der gegenseitigen Kontrolle durch totale Transparenz durch Open Society Paradox vertreten. Der Autor des gleichnamigen Buches behauptet, dass nur totale Offenheit "accountability" erzeugt. "accountability" bedeutet, dass jeder für sein Handeln verantwortlich ist und auch zur Verantwortung gezogen werden kann. Er ist mehr darüber besorgt, dass wir weiterhin die Möglichkeit haben, unseren Lebensstil frei wählen zu können, als dass die anderen wissen, welchen Lebensstil ich führe. - Wir sind jedoch nicht sicher, dass dies wirklich ausreichend sein wird, wenn wir einmal davon ausgehen, dass es immer wieder Tendenzen gibt, die so gewonnenen Informationen auch dazu zu verwenden, dass der Lebensstil eingeschränkt wird, entweder durch direkte Verbote oder über "weichen Zwang". Ein gutes Beispiel für den Einsatz von Kameras zur Kontrolle der Polizei schildert Bruce Schneier: Die Kameras werden automatisch immer aktiv, bevor eine der neuen und umstrittenen Taser Waffen eingesetzt werden kann und dokumentieren damit den Einsatz dieser nicht unumstrittenen Waffen.
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Versuche, die Anonymität im Internet wieder herzustellenDie NY Times hatte im Jan. 2006 einen Artikel über die Versuche, die Anonymität auch im Internet wiederherzustellen. Das Hauptwerkzeug sind dabei sog. Proxy-Server. Das sind Rechner, in die sich der Internet-Surfer verbindet und die dann für ihn eine neue Verbindung zu seinem eigentlichen Ziel herstellen. Aber auch dadurch wird nur eine teilweise Anonymität erreicht, eine Protokollierung der dabei stattfindenden Umsetzung würde die Identität aller Teilnehmer wieder herstellen. Solche Proxy Server stehen, z.B. zum Schutz von chinesischen Internet-Postern, auch öffentlich zur Verfügung: "Elsewhere on the Web, the Electronic Frontier Foundation (www.eff.org) helps maintain Tor, a communications network that helps make Internet communications anonymous, and it appears to be accessible from within China. Peacefire.org offers a program called The Circumventor that lets anyone turn a Windows-based machine into a proxy, allowing others to use it to circumvent local Internet restrictions.
Ein weiterer NY Times Artikel am 28. Jan. berichtet über Aktivitäten und Tipps, um in den Suchmaschinen möglichst wenig Spuren zu hinterlassen (siehe dazu auch meine Notizen). Sie berichten, dass die Zeitschrift Wired und searchenginewatch.com Tipps zum Thema Privatsphäre und Suchen-im-Web geben. Zur Problematik der Nutzung von Anonymisierungsservices siehe weiter oben.
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These 5:Die Menschen werden lernen (müssen), in der immer stärkeren Transparenz zu lebenSeit der Steinzeit bis vor ganz kurzer Zeit lebten die Menschen in übersichtlichen Horden oder Dörfern. Jeder wusste jedes über jeden anderen. Dies wurde akzeptiert und die Menschen haben gelernt, damit umzugehen. Eine der Lösungen ist eine erhöhte Toleranz, so dass das private Verhalten nicht mehr zum Skandal wird. Wenn die Homosexualität eines Politikers keinen Skandal erzeugt, so ergibt sich kein Interesse, diese Tatsache „aufzudecken“. So haben sich in Europa derzeit eine ganze Reihe von Spitzenpolitikern als homosexuell geoutet, ohne dass dies ihrer Popularität Abbruch tat. Der bundesdeutsche FDP Vorsitzende Guido Westerwelle, der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust sind Beispiele deutscher Politiker, denen ihre öffentlich gelebte Homosexualität nicht in der Popularität geschadet hat. Das bedeutet aber nicht, dass nicht in anderen Zusammenhängen das Bekanntwerden der gleichen sexuellen Neigung zu einem Problem werden kann, z.B. wenn der jeweilige Arbeitgeber, aus welchen Gründen auch immer, dies nicht toleriert. D.h. es hängt von den Umständen, z.B. von meinem Beruf ab, ob ich für meine sexuellen Neigungen den Schutz der Privatsphäre benötige oder nicht. Hier ein Hintergrundartikel zu Thesen 3 bis 5: Davin Brin in Salon.com (für einen Day-Pass durch die Werbung klicken) Ergänzung Jan.2007: Aus dem Wikipedia-Entrag zu Trusted Systems (ein System, dem man vertrauen MUSS, weil dessen Kompromitierung die Sicherheit des Gesamtsystems zerstören würde): The widespread adoption of these authorization-based security strategies (where the default state is DEFAULT=DENY) for counterterrorism, anti-fraud, and other purposes is helping accelerate the ongoing transformation of modern societies from a notional Beccarian model of criminal justice based on accountability for deviant actions after they occur, see Cesare Beccaria, On Crimes and Punishment (1764), to a Foucauldian model based on authorization, preemption, and general social compliance through ubiquitous preventative surveillance and control through system constraints, see Michel Foucault, Discipline and Punish (1975, Alan Sheridan, tr., 1977, 1995). In this emergent model, "security" is geared not towards policing but to risk management through surveillance, exchange of information, auditing, communication, and classification. These developments have led to general concerns about individual privacy and civil liberty and to a broader philosophical debate about the appropriate forms of social governance methodologies. References: The concept of trusted systems described here is discussed in K. A. Taipale, "The Trusted Systems Problem: Security Envelopes, Statistical Threat Analysis, and the Presumption of Innocence," Homeland Security - Trends and Controversies, IEEE Intelligent Systems, Vol. 20 No. 5, pp. 80-83 (Sept./Oct. 2005). Dezember 2008: Die Sozialforschungsfirma "Pew Internet & American Life Project" hat 1000 Internet-Kenner gefragt, wie das Internet und die Welt in 2020 wohl aussehen werden: Future of the Internet III (pdf). Eine der Fragen betraf dabei das Thema, wie die Menschheit in der Zukunft mit der fast vollständigen Transparenz ihres Lebens umgehen werden. Dabei waren die Antworten ziemlich genau halbiert zwischen den Optimisten, die glauben, diese Transparenz führt zu Toleranz und Verständnis und den Pessimisten. Hier einer der Optimisten: “We will enter a time of mutually assured humiliation; we all live in glass houses. That will be positive for tolerance and understanding, but—even more important—I believe that young people will not lose touch with their friends as my generation did and that realization of permanence in relationships could—or should—lead to more care in those relationships.” — Jeff Jarvis, top blogger at Buzzmachine.com and professor at City University of New York Graduate School of Journalism" Und jetzt 2 Pessimisten: “Viciousness will prevail over civility, fraternity, and tolerance as a general rule, despite the build-up of pockets or groups ruled by these virtues. Software will be unable to stop deeper and more hardhitting intrusions into intimacy and privacy, and these will continue to happen.” — Alejandro Pisanty, ICANN and Internet Society leader and director of computer services at Universidad Nacional Autónoma de México “Polarization will continue and the people on the extremes will be less tolerant of those opposite them. At the same time, within homogenous groups (religious, political, social, financial, etc.) greater tolerance will likely occur.” — Don Heath, Internet pioneer and former president and CEO of the Internet Society Ich persönlich tendiere zu den Pessimisten bei diesem Thema.
Ergänzung Dez.2008:
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Unterschiedliche Sichtweisen zum ThemaAktualisierung August 2008 Der Science Fiction Autor Cory Doctorow - From Myspace to Homeland Security: Privacy and the Totalitarian Urge, der viele Aspekte und den Kern des folgenden Textes in einem fast 1-stündigen Vortrag darstellt (englisch, 57 MB). Seine Aussage zusammengefasst ist: a) Es wird (auch im Zuge der Terrorismus-Hysterie) eine riesige Menge Daten über uns gesammelt. Die Idee dahinter ist, dass, wenn nur genügend Daten über alle Bürger vorliegen, Angriffe vorher verhindert werden können. Dieses Konzept vergleicht Cory mit der Idee, dass man die Nadeln im Heuhaufen besser findet, wenn man den Heuhaufen nur immer größer macht. b) Das Problem liegt für Cory nicht so sehr darin, dass der Staat (oder jemand anders) in der Lage wäre, die Daten systematisch auszuwerten (was auf Grund der Datenmenge gar nicht möglich ist), sondern dass diese Daten gegen gezielte Einzelne jederzeit als Einschüchterung verwendet werden können. Sein Beispiel: in den sowjetischen Gulags waren die Dissidenten offiziell nicht wegen ihrer Meinungen in Haft, sondern die offizielle Verurteilung war wegen Schwarzmarktaktivitäten, z.B. Besitz von Dollar-Noten. Auf diese Weise konnten die Behörden im Prinzip fast jeden Inhaftieren, es gab immer einen passenden Vorwand. c) Das gleiche Risiko sieht er auch durch unachtsame Posts in Blogs der Jugendlichen, z.B. über eine Party auf der der Betreffende Hasch geraucht hat. Doctorows Angst ist, dass ein potentieller Arbeitgeber vor dem Einstellungsgespräch in Google schaut und solche Sachen entdeckt und die Stelle dann nicht mehr verfügbar ist (Fakt ist, dass mehr und mehr Personalchefs Google bei der Bewertung von Bewerbungen einsetzen).
Zu gegenteiligen Schlüssen kommt ein Artikel im New York Magazine - Kids, the Internet and the End of Privacy. Die Autorin argumentiert, dass evtl. die Kinder und Jugendlichen bereits einen Weg gefunden haben, mit der vollkommenen Transparenz ihres Lebens umzugehen und dies als Tatsache zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Die Online-Welt mit ihrer Transparenz ist ein integraler Bestandteil ihrer realen Welt, die Kontakte, die dort entstehen, bringen ihnen (auch) viele Vorteile und in der Zukunft könnte es sein, dass es egal ist, ob man als Jugendlicher mal einen ziemlichen Blödsinn gemacht hat (sie verweist auf Paris Hilton mit ihren Sex Tapes, die für sie nicht das Ende, sondern der Anfang ihrer Karriere waren): "And after all, there is another way to look at this shift. Younger people, one could point out, are the only ones for whom it seems to have sunk in that the idea of a truly private life is already an illusion. Every street in New York has a surveillance camera. Each time you swipe your debit card at Duane Reade or use your MetroCard, that transaction is tracked. Your employer owns your e-mails. The NSA owns your phone calls. Your life is being lived in public whether you choose to acknowledge it or not. "So it may be time to consider the possibility that young people who behave as if privacy doesn’t exist are actually the sane people, not the insane ones. For someone like me, who grew up sealing my diary with a literal lock, this may be tough to accept. But under current circumstances, a defiant belief in holding things close to your chest might not be high-minded. It might be an artifact—quaint and naïve, like a determined faith that virginity keeps ladies pure. Or at least that might be true for someone who has grown up “putting themselves out there” and found that the benefits of being transparent make the risks worth it.
Andere Erklärungen für das oft paradoxe Verhalten der Menschen wenn es um Privatsphäre geht bietet die Psychologie und Ökonomie des menschlichen Verhaltens. Hier einige Thesen und Forschungen von George Loewenstein in seiner Präsentation Searching for Privacy in all the Wrong Places (ppt). Der erste Ansatz ist der Endowment Effect. Dabei geht es darum, dass ich den Wert von etwas höher einschätze wenn ich es bereits habe, als wenn ich es erst erwerben möchte. In Versuchen werden Teilnehmern nach einer Zufallsauswahl Objekte geschenkt, dann kommt ein Angebot, dies umzutauschen, z.B. eine Tasse gegen einen Kugelschreiber. Die allermeisten schätzen den Wert dessen, was sie zufällig bekommen haben höher als das wogegen sie eintauschen könnten. Auf die Privatsphäre übertragen: Menschen hassen es, die Privatsphäre zu verlieren (sofern ihnen dieser Besitz überhaupt bewusst ist). Aber wenn sie erst mal verloren ist, passen wir uns schnell an und das Wiedererlangen (in der alten oder einer anderen Form) wird nicht als so wertvoll gesehen, dass sich ein Aufwand wie die Installation einer neuen Software (Anonymisierung) oder die Nutzung stärkerer Passworte, von Smartcard, u.ä. lohnen würde. Zur Anpassung wird als Beleg angeführt, dass Jugendliche, die Gliedmaßen verloren haben nach einer Anpassungszeit subjektiv die gleiche Lebensqualität bzw. Glück berichten, wie andere Jugendliche. Der zweite Theorieansatz nennt sich Hyperbolic Time Discounting. Dabei geht es darum, dass jeder Vorteil heute viel schwerer wiegt als ein erwarteter Vorteil in der Zukunft. Die Vorteile, die "heiße" Fotos auf Facebook heute versprechen wiegen schwerer als mögliche Nachteile bei einer späteren Bewerbung für einen Job, wo diese Fotos dann auch vorliegen werden. Hier mehr zu Privatsphäre und Social Networking. Ebenfalls relevant sind die paradoxen Effekte, die ein Hinweis auf Vertraulichkeit hat, berichtet an anderer Stelle. Und hier viele weitere Literaturstellen zu Privacy, Security and Human Behaviour.
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These 7:Es bleibt wichtig, sich zu wehrenNatürlich muss man das alles nicht einfach so hinnehmen. Es gibt Möglichkeiten zur Gegenwehr auf verschiedenen Ebenen. Da ist zum einen die weiter oben erwähnte Möglichkeit zur Nutzung von Anonymisierern. Viele wehren sich, indem sie bewusst Datenschrott erzeugen, wenn sie wieder mal gezwungen werden, sich unter der Angabe vieler Detailinformationen irgendwo zu registrieren, um sich ein PDF runterzuladen oder Zugang zu einer Online-Zeitschrift zu bekommen. Aber es gibt auch die politische Ebene. Da hatten oder hätten z.B. viele Organisationen (z.B. Standesorganisationen) die Möglichkeit, gegen die Implementierung der Vorratsdatenspeicherung ihre Bedenken vorzubringen (Aushöhlung von bisher verbrieften Schutzrechten, z.B. für Ärzte, Therapeuten, Journalisten, Rechtsanwälte, Seelsorger). Dann gibt es noch den Aspekt, dass man nicht bei jeder Aktion mitmachen muss, bei der man Daten über sich gegen Geld oder Bequemlichkeit verkauft, z.B. durch die Nutzung einer Kundenkarte oder Treuekarte im Supermarkt, wenn der Supermarkt (unnötigerweise) darauf besteht, den korrekten Namen und Anschrift zu bekommen und nicht nur ein viel sinnvolleres Pseudonym. Mehr zur Nutzung von Pseudonymen unter dem Stichwort Anonymität. Dort wird auch diskutiert, was es an technischen Möglichkeiten und gesellschaftlichen Bestrebungen heute gibt, den Menschen die Kontrolle über ihre Daten zurückzugeben. Solche Bestrebungen sind auf jeden Fall sinnvoll und zu unterstützen.
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Resumé und weiterführende Hinweise (und mehr Theorie)Der Schutz der Privatsphäre ist eine sehr ambivalente Angelegenheit. Soziale Kontrolle schränkt die persönlichen Freiheiten ein, kann aber auch dazu dienen, schädliches Verhalten zu verhindern oder einzuschränken. Die Balance dazwischen ist nicht einfach. Die technologischen Möglichkeiten schränken, ob wir wollen oder nicht, die Privatsphäre immer mehr ein. Dies wird auf die Dauer nur sehr schwer aufzuhalten sein. Die Gesellschaft muss sich dieser Tatsache stellen und darum kämpfen, genügend Freiräume zur Entfaltung der Persönlichkeit des Einzelnen zu erhalten. In einem recht interessanten Papier Cost of Privacy Breaches (pdf) werden auf Seite 3 einige in der akademischen Welt (in den USA) verwendete Definitionen für den Verlust von Privacy erwähnt: es geht dabei hauptsächlich um die Preisgabe von Informationen, wenn wir in ein Verhältnis zu einem Unternehmen oder einer Behörde treten und um die Verletzung unserer Erwartungen, die wir vom Umgang des Datenempfängers mit "unseren" Daten haben. Diese Verletzung kann durch Sicherheitsprobleme entstehen (durch interne oder externe Angreifer), durch Schlamperei oder auch durch bewusste Geschäftsentscheidung (z.B. die Informationen zu Geld zu machen). Darüber hinaus kann die Privatsphäre aber auch verletzt werden, ohne dass ich in ein Verhältnis mit einem anderen trete, z.B. durch eine Überwachung. Dazu bringe ich an anderer Stelle viele Beispiele. Das Papier Privacy's Other Path (pdf, englisch) erläutert die unterschiedlichen rechtsphilosophischen Ansätze, die sich beim Thema Privatsphäre in den USA und England ergeben haben. In den USA wurde die Entwicklung geprägt durch sehr einflussreiche Schriften von Samuel Warren und Louis Brandeis 1890, die auf die Entwicklung der Kompaktkamera und einer Presse, die an nun möglichen Schnappschüssen von Prominenten sehr interessiert war. Hier wurde die Privatsphäre definiert als das "Recht, allein gelassen zu werden", d.h. ein Recht des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Dieses "allein gelassen zu werden" bezog sich bis dahin hauptsächlich auf Zugriffe durch die Regierung (siehe 4th Ammendment zur Verfassung, Schutz gegen Durchsuchung der Wohnung und Beschlagnahme) und beruhte vermutlich auch darauf, dass viele der US-Bürger mit den europäischen Regierungen ihrer Heimatländer schlechte Erfahrungen gemacht hatten. In England dagegen gab es eine Tradition der Vertraulichkeit in Beziehungen (z.B. zwischen dem Adel und Bürgertum und ihren Bediensteten, bzw. Arzt und Patient, etc.), von denen Verschwiegenheit erwartet wurde. Dies diente vor allem sehr erfolgreich dem Schutz vor Erpressung durch die Bediensteten (im Gegensatz zur Verleumdung geht es bei der Erpressung durch einen Schaden durch die Veröffentlichung wahrer Informationen). Dieser Ansatz in England betrifft zwar auch die Privatsphäre, hat aber zur Problematik, dass ein Fremder ein Photo aufnimmt, nicht viel zu sagen. In den USA gibt es bis heute noch rechtsphilosophische Probleme bei der Vertraulichkeit. Ein Veröffentlichungsverbot zu begründen fällt schwer, wenn die Tatsache selbst nicht geheim ist. Es fehlt das Konzept der "informationellen Sebstbestimmung" und der Zweckbindung von Informationen. Die Tatsache, dass jemand im Supermarkt einkaufen war und was dabei alles im Einkaufskorb war, ist kein Geheimnis. Unser Datenschutzgesetz grenzt aber trotzdem die Nutzung dieser Daten und die Weitergabe eng ein. In den USA werden diese Daten als öffentlich betrachtet und da sie normalerweise nicht sensibel sind, ist ein Weiterverkauf kaum einzuschränken. Zum anderen gibt es in den USA auch immer wieder einen starken Konflikt mit dem 1st Ammendment, das dem Recht auf freie Meinungsäußerung einen sehr hohen Stellenwert einräumt. Als vertraulich geschützt sind in den USA nur speziell im Gesetz definierte Ausnahmefälle, z.B. das Gesundheitswesen im HIPPA-Gesetz oder bei den Banken. In das englische Recht ist eine Erweiterung des Privatsphärebegriffs über die Vertraulichkeit hinaus erst 1998 durch die European Convention on Human Rights gekommen, in der "respect for his private and family life, his home and correspondence" festgeschrieben sind. Erst danach hat es in England Prozesse gegeben, wo sich (vor allem) Prominente gegen die Veröffentlichung privater Fotos gewehrt haben. In dem Papier Privacy as Contextual Integrity (pdf, englisch) entwickelt die Autorin ein Konzept, in dem sie 5 Ziele des Schutzes von Privatsphäre postuliert.
Das heißt, die Autorin sieht unterschiedlichen Funktionen und Rollen der Privatsphäre. Das Ausmaß, wie diese sich gegenüber anderen Rechten, wie z.B. der freien Meinungsäußerung, der Pressefreiheit, dem Recht auf Entfaltung von Geschäftstätigkeiten, etc. abgrenzt, soll ihrer Meinung nach davon abhängen, was für Erwartungen ein Bürger sinnvollerweise an den Schutz der Privatsphäre hat. Dadurch ist automatisch gegeben, dass sich diese Abgrenzung im Laufe der Zeit ständig weiter entwickeln wird.
Verwandte ThemenEine Glosse zum Verlust an Privatsphäre Interessant ist auch, wie die Privatsphäre durch Social Networking im Internet freiwillig aufgegeben, bzw. zumindest stark gefährdet wird. Mehr dazu auf meiner anderen Website.
Und hier noch ein Gedankenexperiment zum Thema Privatsphäre. Ein sehr interessanter Artikel aus dem Bereich der Soziologie zu Hintergründen von Überwachung und Kontrolle in der Arbeitsumgebung. Hier die englische Version Post-Privacy or the Politics of Labour, Intelligence and Information mit vielen Links und Fußnoten zu mehr Material.
Ein umfangreiches Dokument zu Emergence of a global infrastructure for mass registration and surveillance mit zahlreichen Informationen aus dem gesamten Bereich (engl., PDF, 1,2 MB). Es gibt außer der statewatch.org, von der dieses Dokument ist, eine Reihe anderer, die sich bei dem Thema "schleichender Verlust der Privatsphäre" engagieren. Das wären z.B. i-cams.org - International Campaign Against Mass Surveillance, statewatch.org in Europa, Privacy International (PI) und die American Civil Liberties Union (ACLU).
Der Klassiker in der Literatur zum Thema Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung ist natürlich 1984 von George Orwell. Wichtig ist auch der andere Klassiker Schöne neue Welt von Aldous Huxley, bei dem eine dunkle Zukunftsvision gezeigt wird, die ohne Überwachung auskommt, aber die Menschen mittels Drogen leicht regierbar macht.
Ein Film, der mögliche Folgen von Überwachungsdossiers aufzeigt, ist Der Schläfer. Es geht um eine Bespitzelung eines iranischen Wissenschaftlers durch seinen Arbeitskollegen auf Auftrag des BND (deutscher Bundesnachrichtendienst). Zitat aus einem Interview mit dem Regisseur Heisenberg: Der 11. September, aber mehr noch die Gesetze zur inneren Sicherheit, die danach verabschiedet wurden, waren sicher Einflüsse. Mich hat bestürzt, dass man innerhalb zweier Monate Dinge beschließt, die man die letzten zwanzig Jahre bekämpft hat. Ich habe mich gefragt, wie sich das auswirkt: Wenn die Leute privat derart verunsichert sind, dass sie anfangen, ihren Nachbarn, ihre Kollegen oder Freunde zu bespitzeln. Dazu kommt, dass Werte wegfallen, die früher wichtig waren. Die zunehmende Individualisierung führt dazu, dass der ganze Wertehaushalt so schwammig wird, dass man in einer politischen Drucksituation, wie das beim 11. September der Fall war, plötzlich zu irrationalen Entscheidungen neigen kann. Wer Schwierigkeiten mit den auf dieser Website erwähnten Begriffen und Abkürzungen hat, dem sei das Glossar der Informationssicherheit empfohlen (pdf, > 700 KB).
Philipp Schaumann, http://sicherheitskultur.at/
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