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Die Verantwortung der Techniker
Ethik für Techniker und Wissenschaftler
Ethische Fragen werfen sich für den Techniker und den Wissenschaftler nicht nur im großen Rahmen auf, z.B. die Menschenversuche im 3. Reich in den KZs, sondern eigentlich wird jeder Techniker und Wissenschaftler immer wieder vor solche Fragen gestellt. Es gibt eine Reihe von sehr problematischen (d.h. sehr unethischen) Experimenten, die im Namen der Wissenschaft auch außerhalb der Nazizeit durchgeführt wurden. Hier Links zur Tuskegee Syphilis-Studie in den Südstaaten 1932-1972 und zur Stotterstudie in den USA.
Die Deepwater Horizon KatastropheAus einem Vortrag September 2005, The journey to deepwater operatorship (pdf), von DAVID EYTON, BP, Houston, USA:
Die Wortwahl "somewhat underestimate" ist ein extremer Euphemismus für das, was sich jetzt beim Versuch der Reparatur des Problems sehr deutlich zeigt - nämlich dass es keine verlässlichen Möglichkeiten gibt, unter diesen extremen Druck- und Temparaturbedingungen ein Bohrloch zu schließen. Falls BP seit 2005 in dieser Hinsicht klüger geworden ist, so sieht es sehr stark danach aus, dass finanzielle Überlegungen stark zu dieser Katastrophe beigetragen haben (siehe der sehr vorläufige Untersuchungsbericht Key Questions Arising from Inquiry into the Deepwater Horizon Gulf of Mexico Oil Spill (pdf)) und viele andere Details über Streits zwischen den Angestellten von BP, Halliburton und dem Platformbetreiber Transocean über die korrekte Behandlung der Probleme die sich in den letzten 24 Stunden vor der Explosion gezeigt hatten (eine gute Berichterstattung über die Untersuchungen bringt die New York Times). (Hier ein Artikel der auch belegt, dass der Ausbruch keine Überraschung war). Die Untersuchungen zeigen für mich 3 Sachen: Erstmal war es offenbar eine interne Doktrin bei BP, davon auszugehen dass Blowout Preventer grundsätzlich fehlerfrei arbeiten: “I don’t think anybody foresaw the circumstance that we’re faced with now.” — BP spokesman Steve Rinehart. Entsprechende Reports der Aufsichtsbehörde zeigen aber, dass das Versagen der Blowout Preventer extrem häufig ist:
Die Zahlen klingen eher so, als ob das Versagen dieser Geräte zur Routine bei Ölbohrungen gehört. Zweitens wurde wohl darauf vertraut, dass die Methoden die in flachem Wasser funktionieren dies auch in tiefem Wasser tun würden, entsprechende Tests wurden nicht durchgeführt. Und drittens hat man sich wohl darauf verlassen, dass für den Fall dass trotzdem eine Katastrophe eintritt, irgendjemand eine geniale Idee haben würde, die dann alles wieder gut macht - Stichwort Fortschrittsglauben. Aktualisierung Juni 2010: Interne Dokumente die (Ex-)Mitarbeiter von BP und Regierungsstellen zur Verfügung stellen zeigen dabei auf eine jahrzehntelange Tradition bei BP von und alles beginnt wieder von vorn.
Zitate aus dem Artikel:
Two years later, in March 2006, disaster struck. More than 200,000 gallons of oil spilled from a corroded hole in the Prudhoe Bay pipeline. Inspectors found that several miles of the steel pipe had corroded to dangerously thin levels. . . .Woollam now works in BP's Houston headquarters. Gegen diese (Un-)Sicherheitskultur bei BP erscheint das was im folgenden für die NASA gesagt wurde, schon wieder vergleichsweise harmlos. Und bei BP sind letztendlich sehr viel mehr Mitarbeiter bei Arbeitsunfällen umgekommen als durch alle Shuttle-Katastrophen. NY Times June 18, 2010: 'BP had been cited by the Occupational Safety and Health Administration for 760 “egregious willful” safety violations in its refineries ... between 2007 and 2010'. Und das nachdem BP nach 2 großen Unfällen in 2006 (Prudhoe Bay leak and the Texas City explosion) versprochen hatte, eine neue Sicherheitskultur im Konzern zu etablieren. Sehr unangenehm für Präsident Obama ist der Rolling Stone Artikel The Spill, The Scandal and the President. Der Autor berichtet, dass Obama zwar während der Wahlkampagne versprochen hatte, bei der Aufsichtsbehörde MMS (Minerals Management Service) aufzuräumen, die dafür bekannt ist, dass sie sehr eng mit der Ölindustrie im Bett ist (wörtlich und im übertragenen Sinne). Trotzdem hat er dann den Bock zum Gärtner gemacht und Ken Salazar zum Innenminister und damit zur Aufsicht über diese Behörde ernannt, der dafür bekannt ist, extrem entgegenkommend gegenüber Erdölkonzernen zu sein. Innerhalb der Behörde selbst wurde schon seit langem gewarnt (Zitate aus R.S.):
Das heißt wir haben einen extremen Bruch zwischen der eigenen Forschungsabteilung und der Führungsriege der MMS, die alle Risiken leugnet und dafür die Hand aufhält. Ebenfalls 'ihr Fett weg' bekommt die NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration), die gleich zu Beginn eine extrem realistische Schätzung für den Umfang der Katastrophe gemacht hatte, diese aber nicht veröffentlichte und bis ganz zuletzt mit extrem verharmlosenden Statements in die Öffentlichkeit ging. Auch Greenpeace Direktor Kumi Naidoo gibt im STANDARD (18. Juni) der US-Regierung einen großen Teil der Schuld an der Katastrophe:
BP selbst ist dafür bekannt, bzw. berüchtigt, dass ohne Rücksichten Geld eingespart wird. Zitat aus Rolling Stone:
Viele andere Beispiele für desaströse Geldeinsparungsentscheidungen werden jetzt überall in der US-Presse dokumentiert. So wird der BP Geschäftspartner, Anadarko, mit folgendem Statement zitiert: "BP operated unsafely and failed to monitor and react to several critical warning signs during the drilling of the Macondo well. BP’s behavior and actions likely represent gross negligence or willful misconduct and thus affect the obligations of the parties under the operating agreement." D.h. sie sprechen hier von grob fahrlässig, bzw. sogar von bewusstem Fehlverhalten.
Aktualisierung August 2010:
Und später im Text:
Ein sehr ausführlicher Artikel über meeresbiologische Hintergründe, Stichwort "deep scattering layer" (DSL) findet sich auf Mother Jones - The BP Cover-Up. Und hier noch der Link zu dem dramatischen 12-Seiten Bericht der NY Times über die letzten Stunden der Deepwater Horizon: Deepwater Horizon’s Final Hours. Auch da wurden viele Entscheidungen nicht gefällt und es wurde gezögert an Stellen, wo weitgehende Entscheidungen vielleicht Menschenleben gerettet hätten. Im Januar 2011 wird der 398 Seiten Report der Untersuchungskomission veröffentlicht: BP Deepwater Horizon Oil Spill and Offshore Drilling. Er besteht aus 3 Hauptteilen: The Path to Tragedy (inkl. Geschichte des Offshore Drillings), die Details der Katastrophe und zuletzt, Lessons Learned. Der Report ist zum Teil sehr technisch, aber auch sehr spannend, z.B. die Seiten 115 - 121, auf denen die Details der Fehler zusammengefasst werden:
Im Prinzip geht es bei den Ölbohrungen um die gleichen Sicherheitsprinzipien wie Bruce Schneier sie für die Informationssicherheit auch beschreibt: "Multiple layers of defense", bestehend aus Aktionen zum Verhindern des Problems, Aktionen zum Entdecken und dann die Reaktion auf das Problem (analog dazu in der Medizin: Verhütung, Diagnose und Behandlung. In der IT ist leider die Hauptkonzentration auf die Verhinderung, ziemlich wenig zu Monitoring und kaum Aufwand für eine vorsorgende Planung der Reaktion auf Probleme). Im Fall der Deepwater-Katatstrophe gab es beim Verhindern des Problems mindestens 6 problematische Entscheidungen von Haliburton und BP zur Zementierung und ähnlich viele zur Strategie des „temporary abandonment“. Diese problematischen Entscheidungen wurden fast immer nur von einer der beiden Partnerfirmen getroffen und die damit verbundenen Risiken nicht mit dem anderen Partner kommuniziert. Vermutlich wollte keine der beiden Firmen als Verhinderer des schnellen Abschlusses bereits verspäteten Projekts dastehen und als jemand, der den anderen Partner zu einem vorsichtigeren Vorgehen zwingt. Beide sind unabhängig voneinander viele Risiken eingegangen, die sich gegenseitig potenziert haben.
Beim Thema Entdecken des Problems gab es eine lange Kette von Fehldeutungen der ungewöhnlichen und anomalen Ergebnisse, die speziell im Hinblick auf die von beiden Firmen bereits vorher eingegangen Risiken starke Warnungen hätten sein müssen. Im Bericht steht auf Seite 119: „It appears .... they started from the assumption that the well could not be flowing, and kept running tests and coming up with various explanations until they had convinced themselves their assumption was correct.“ Der letzte Layer ist dann die Reaktion. Hier ging es vor allem um das schnelle Aktivieren des Blowout Preventers (BOP). Dies wurde aber aus Angst vor Kompetenzübertretungen und möglichem Ärger bei zu frühem Aktivieren so lange hinausgezögert, bis es deutlich zu spät war. Ob der BOP vorher funktioniert hätte bleibt offen, vieles deutet daraufhin dass er wegen fehlender Wartungsarbeiten sowieso defekt war. Dann auf Seite 122:
Ab Seite 217 des Reports finden sich dann Beispiele für die Wege, mit denen anderen Industrien oder Firmen die Sicherheitskultur in den Griff bekommen haben. Oft ist der Auslöser solcher Aktivitäten so eine Katastrophe wie hier. So wurden wohl nach den Katastrophen Exxon Valdez, Bhopal und Three Mile Island vernünftige Lehren gezogen, wenn auch oft nur mit begrenztem Wirkungsradius, z.B. nur für 1 Land. Auf den Seiten 230 und 231 wird SUBSAFE der US-Navy erwähnt, das in dem excellenten Bericht der Untersuchungskomission des Columbia-Absturzes noch viel ausführlicher besprochen wird.
Noch mehr Lesestoff: Det Norske Veritas hat den Blowout Preventer von Deepwater Horizon vollständig zerlegt und einen Report geschrieben. (Der Link führt zur Zusammenfassung, der Report selbst hat 400 Seiten und viele Fotos). Auch Satiriker haben beobachtet, dass der Umgang mit der Katastrophe und die vielen ungewöhnlichen Lösungsansätze durchaus etwas bizarres an sich hatten, z.B. die Aktion der Tennisbälle. Hier auf Youtube BP Coffee Spill.
Das nächste Thema ist nicht direkt mit BP gekoppelt, aber zeigt, dass die Erdölgewinnung auch ohne Katastrophe ziemlich katastrophal für die Umwelt sein kann. Es geht um hydraulic fracturing. Das wird eingesetzt, wenn das Gestein indem die Kohlenwasserstoffe (das Erdöl) steckt nicht porös sind und das Öl das unter hohem Druck steht, leicht zum Bohrloch laufen lassen, sondern stabil. In diesem Fall wird diese Methode angewendet bei der Flüssigkeiten unter hohem Druck in die ölführenden Schichten gepresst werden, was zu Rissen im Gestein führen soll, die zum Teil durch Verunreinigungen in der Flüssigkeit (manchmal sogar Erdnusschalen) aufrecht erhalten werden sollen. Zum Problem wird das ganze wenn die Flüssigkeit giftige Zusatzstoffe enthält die in die Umwelt gelangen (können). Dazu gab es in den USA eine Untersuchung der Jahre 2005 bis 2009:
Die Fukushima Katastrophe
Es geht leider immer weiter mit mehr oder weniger selbst-verschuldeten oder voraussehbaren Technik-Katastrophen. Ich lese, dass die Notstrom-Anlage, deren Versagen ja ein großer Aspekt der ausgefallenen Kühlung und damit der Katastrophe war, lange überfällig in Bezug auf Wartung war. Da das Kraftwerk eh in absehbarer Zeit abgestellt werden sollte hat man es offenbar mit der Wartung nicht mehr so genau genommen - "bis dahin wird schon nichts passieren". Der Spiegel berichtet, dass Schlamperei bei Tepco große Tradition hat:
Die Realität sieht anders aus. Hier eine Liste der Schlampereien und Fälschungen was die Wartung betrifft: Und dazwischen gab es kräftig Unfälle, wie der Spiegel in dem Artikel darlegt. Das Wall Street Journal berichtet jetzt aktuell von langen Verzögerungen bevor Tepco als Verzweiflungsaktion das Meerwasser eingeleitet hat: Bid to 'Protect Assets' Slowed Reactor Fight.
Die NY Times berichtet darüber, warum es wohl so schlecht aussieht um die Sicherheit der Kernkraftwerke in Japan: Japanese Workers Braved Radiation for a Temp Job und erklärt damit wohl auch die Anzeige der Job-Agentur. Traditionell wird die gefährliche und schmutzige Arbeit in Japan nicht vom Personal des Betreibers erledigt, sondern von Personal von Contractorn, Sub-Contractorn und Sub-Sub-Contractorn. Ganz unten, sowohl was Gehalt und andere Vorteile betrifft, aber auch was den Arbeitsschutz, sichere Arbeitsausstattung usw. betrifft stehen Arbeiter die sich tagesweise für Aufgaben verdingen, die alle anderen nicht machen möchten. Diese Arbeiter und die Contactor sind dann in aller Regeln auch nicht wirklich ausgebildet und eingewiesen. So waren auch die beiden Angestellten die in das radioaktive Wasser geraten waren keine Angestellten des Betreibers. Die NY Times berichtet in dem Artikel dass nur 11% des Personals in Fukushima im Jahr 2010 direkt beim Betreiber angestellt waren und in der gesamten Industrie lag der Wert bei 12%. Auch die japanische "Nuclear and Industrial Safety Agency" moniert, dass das externe Personal im Schnitt die 16-fache Dosis der festen Angestellten bekommt. Die Arbeiter dürfen arbeiten, bis ihr Dosimeter die maximale Dosis zeigt, dann sind sie ohne Job. An anderer Stelle gehe ich im Zusammenhang mit technischen Risikoanalysen auch auf Kernenergie ein.
Aktualisierungen 2. Hälfte 2011: Hier der Bericht der schweizer Organisation ENSI (Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat): ENSI Analyse Fukushima 11032011 hinsichtlich der administrativen u. politischen Fehler (42 Seiten).
Aktualisierung Dez. 2011:
Aktualisierung März 2012:
und
Die Columbia Katastrophe
Sehr lesenswerte Informationen zur Bedeutung von Sicherheitskultur finden sich in den Reports zur Columbia Katastrophe, hier vom Columbia Accident Investigation Board CAIB, aber auch von der NASA selbst. Das eigentlich erschütternde an dem Unfall ist nicht der technische Aspekt, sondern der menschliche, nämlich die Auseinandersetzung zwischen den Ingenieuren, die Bilder haben wollten, damit sie eine fundierte Entscheidung treffen können und evtl. die Astronauten doch noch retten und ihren Vorgesetzten, die an einer Untersuchung der möglichen Probleme nicht interessiert waren und die alle Versuche abgewürgt haben, rechtzeitig mehr zu erfahren. Nachträglich weiß man, dass es eine Chance gegeben hätte, die Astronauten mit einem anderen Shuttle zu retten, der Sauerstoff und das Wasser hätte ganz knapp gereicht. Speziell empfehle ich Part 2, Kapitel 6.3 im Volume 1, (PDF-Link) das liest sich wie ein Drama oder Krimi, leider mit richtigen Toten, speziell die Auseinandersetzung zwischen Linda Ham und dem Ingenieur Rocha, die da als Faksimile der Emails abgedruckt ist.
Immer wieder haben die Techniker das Management auf das Problem aufmerksam machen wollen. Leider waren das oft nicht sehr klare und sprechende Folien.
Hier eine Zusammenfassung der Kritikpunkte von Edward Tufte an dieser entscheidenden Präsentationsfolie, mit dem die Techniker das Management überzeugen wollten, dass es ein Problem gibt.
Hier der Originalartikel von Edward Tufte über Columbia und Edward Tufte. Wie kann man so ein "Powerpoint-Desaster" vermeiden? Wer sich mehr für Präsentationstechniken für Wissenschaftler und Techniker interessiert findet Hilfe bei Edward Tufte (siehe oben). Generel gibt es viele Informationen zu alternativen Techniken statt überladedenen Bullet-Slide (die aber für eine Präsentation von wissenschaftlichen Daten nur begrenzt geeignet sind - andererseits: siehe das Beispiel von Tufte zur Darstellung der Verluste von Napoleons Feldzug nach Russland, wo 1 Graphik das Desaster des ganzen Feldzugs vollständig darstellt). Zur technischen Darstellungen siehe auch Periodic System of Visualization. Bei den "schlichten Präsentationen" sind 2 recht bekannt: die Takahashi Methode oder die Lessig Methode, die beide nur wenige Symbole oder Worte pro Slide nutzen. Viele solcher Techniken werden auf Presentation Zen.
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Zivilcourage, oder "Warum sind die beiden Shuttles abgestürzt?"Das hat für mich 2 Aspekte: Einmal die Gleichgültigkeit gegenüber dem, was in seiner Umgebung vorgeht, zum anderen aber auch das Problem der Zivilcourage wenn es darum geht, potentielle Mängel aufzuzeigen. Ein extremes Beispiel sind die beiden Shuttle Katastrophen der NASA. In beiden Fällen wussten die Ingenieure, dass man auf ganz dünnem Eis wandert, aber sie haben sich nicht durchsetzen können/wollen/dürfen. Siehe weiter oben und gleich anschließend weiter unten. Das Sich-durchsetzen ist im Detail auch gar nicht so einfach. Die Shuttle-Ingenieure wurden kräftig unter Druck gesetzt. In einer Untersuchung habe ich gelesen, dass ganz generell, über alle Firmen hinweg, nicht nur bei der NASA, ca. 40% der Mitarbeiter der Meinung sind, dass das Aufzeigen von Problemen im Unternehmen der Karriere schadet. Da ist natürlich kein Wunder, wenn Mitarbeiter lieber mal wegschauen, bzw. sich nicht extra die Mühe machen, auf ein Problem hinzuweisen, für das sich letztendlich der Vorgesetzte auch nicht ernsthaft interessiert.
Warum sind die beiden Shuttles abgestürzt?Diese Graphik verwende ich in meinen Risikoschulungen um die Problematik zu erläutern.
Die Ausgangssituation ist, dass als Designkriterium für das Shuttle vorgegeben war, dass die empfindliche Unterseite mit dem Hitzeschild (TPS, Termal Protection System) auf jeden Fall geschützt sein muss. So wurde vorgegeben, dass es keine Ablösung des Isolierschaums an den externen Tanks geben darf, weil dieser Schaum zu Schäden am TPS führen könnte. Es zeigte sich aber sofort beim ersten Start, dass sich bei jedem Start reichlich Schaum löst und dass die Unterseite des Shuttles nach jeder Landung von Treffern und Einschlägen übersäht ist (im Durchschnitt hat die empfindliche Unterfläche des Shuttles dabei durchschnittlich 170 (!) Treffer pro Flug erhalten). In der oberen Hälfte der Graphik haben wir die Managementebene, unten die Techniker. Das Management hat Termindruck und Budgetdruck. Die Regeln besagen zwar, dass sich keine Isolierung vom externen Tank lösen darf, andererseits hat sich auf allen Flügen Isolierungsschaum gelöst und es war bis zu Columbia noch kein Shuttle aus diesem Grund abgestürzt. Deswegen sagt das Management: Wir haben kein Problem. Die Techniker sehen das anders. Als das Video vom Start zeigte, dass ein größerer Brocken den Shuttle getroffen hat, möchten sie das genauer untersuchen. Aber das Management verlangt jetzt von ihnen, dass sie beweisen, dass wirklich eine Gefahr besteht, anstatt dass jemand versucht zu beweisen, dass es sicher ist (Beweislastumkehr). Zum anderen verhindert das Management mehrmals, dass Fotos von der Shuttle-Unterseite gemacht werden.
Die Challenger-KatastropheDas war bei der Challenger-Katastrophe übrigens sehr ähnlich. Damals ging es um Dichtungsringe, die bei kalten Temperaturen undicht waren. Das war an sich gut bekannt. Bei der kritischen Entscheidung ging es ganz konkret darum, ob der Start des Challenger am nächsten Morgen, bei dem es kälter werden würde als je bei allen vorigen Shuttle-Starts, verschoben werden sollte. Die Techniker wollten den Start verhindern, weil sie große Angst hatten, dass genau das passieren könnte, was dann später eintreten sollte. Sie wurden aber massiv unter Druck gesetzt (einem Subunternehmer wurde angedeutet, dass der Auftrag in Zukunft woanders hin gehen könnte - siehe Roger Boisjoly (engl.), der direkt involviert war) bis die Ingenieure grünes Licht für den Start gaben. Die Details zum Challenger Absturz gibt es im Rogers Commission Report (englisch). Und auf diese Weise ist es in beiden Fällen gegen den Wunsch der Techniker abgelaufen. Challenger wurde gestartet und explodierte. Columbia wurde nicht inspiziert, solange noch Zeit für eine Rettungsaktion war. Die Challenger Explosion wird übrigens auch in Part 2, Kapitel 5.1 und Kapitel 8 im Volume 1 des CAIB Reports behandelt (natürlich auch englisch und einige MB groß). Der CAIB Report ist meiner Meinung nach übrigens unglaublich gut. Er behandelt das Thema vom Umgang mit gefährlichen Technologien lehrbuchhaft. Nicht nur werden die Parallelen zwischen den beiden Shuttle Katastrophen ausführlich diskutiert, sondern es werden auch Vergleiche mit anderen Industrien gezogen, die ebenfalls sehr gefährliche Sachen machen. Dies betrifft z.B. die Flugzeugindustrie, aber speziell wird auch mit der US Navy verglichen, die eine riesige Zahl von Kernreaktoren in U-Booten betreibt, ohne dass es bisher dabei zu tödlichen Zwischenfällen gekommen ist. Ein Aspekt bei der US Navy ist z.B., dass das Aufzeigen von möglichen Problemen belohnt wird und dass es regelmäßige Sicherheitsaudits gibt, die das sicherstellen sollen. Noch ein interessanter Beitrag des recht bekannten Physiker R.P.Feynman zur Risikobetrachtung des Space Shuttles. In 2012 stirbt der Whistle-Blower Roger Boisjoly. Die NYT schreibt einen sehr interessanten Beitrag: Roger Boisjoly, 73, Dies; Warned of Shuttle Danger.
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Änderung der Unternehmenskultur in Richtung SicherheitsdenkenDie NASA hat erkannt, dass sie ein großes Problem hat und eine externe Firma beauftragt, die Unternehmenskultur der NASA in Richtung auf Kommunikation von Sicherheitsproblemen, oder wie ich sagen würde, genereller Zivilcourage zu verändern. Die Firma hat jetzt einen Bericht abgeliefert, auf den ich mich im Folgenden beziehe (englisch, 1 MB). Das Columbia Investigation Board (CAIB) kam zu dem Schluss, dass die Firmenkultur der NASA in Bezug auf Sicherheit einen gleichwertigen Beitrag zur Columbia Katastrophe geleistet hat, wie die Technikprobleme. Daher wurde diese Firma beauftragt, sich dieses Problems anzunehmen. Sie haben eine Umfrage unter den 19 0000 NASA Angestellten durchgeführt. Dabei wurden 13 Aspekte, die das Unternehmen BST (Behavioral Science Technology) als kritisch ansieht, hinterfragt:
Organizational Factors
Team Factor
Safety Specific Factor
Additional ScalesDabei kam heraus, dass die Unternehmenskultur der NASA in Bezug auf Sicherheit der Missionen zwei große Schwachstellen hat. Das Unternehmen schlägt nun ein Programm vor, dass die Unternehmenskultur in Bezug auf die Schwachstellen verändern soll. Dabei fordern sie nicht nur eine Verbesserung in diesen beiden extrem schwachen Bereichen, sondern generell liegen die übrigen Werte im Industrie-Durchschnitt, was für ein Unternehmen, das sich "Excellenz" auf die Fahnen geschrieben hat und sehr gefährliche Unternehmungen durchführt, nicht unbedingt ausreichend ist. Ein ganz wichtiger Aspekt für BST ist die Diskrepanz zwischen den offiziellen Vorgaben des Managements (Excellenz auf allen Gebieten) und der gelebten Firmenkultur. Firmenkultur wird von BST definiert als "the way we do things around here". (Über die Hohlheit der sog. Mission-Statements vieler Firmen mache ich mich an anderer Stelle lustig.) Der wichtigste Weg, Mission Statements, d.h. Firmenkultur zu vermitteln ist, in dem das Management diese Werte vorlebt. Deswegen schlägt die Firma BST auch vor, dass zuerst das aller oberste Management der NASA in Kommunikationstechniken geschult wird. Die NASA hat das konkrete Problem, dass die Mitarbeiter und Manager "Qualität" immer in Bezug auf die Technik sehen, und selten in Bezug auf Managementfähigkeiten und soziale Kommunikation und soziales Geschick von Vorgesetzten. Eine der Schlussfolgerungen, die die NASA bereits gezogen hat, deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen in der EDV. Oft werden gute Techniker befördert, weil sie gute Techniker waren. Leider sind sie dann oft schlechte und furchtbar frustrierte Manager. Die Lösung muss meiner Meinung sein, dass die Firmen, so wie die NASA das hier jetzt vorschlägt, einen Karrierepfad anbietet, der vermeidet, dass die guten Techniker im Management verschlissen und frustriert werden. Ein solcher Pfad ist in der EDV oft der Bereich Consulting. Der NASA-Sprecher erklärte: "If there are highly skilled technical people who prove to be poor managers with inadequate communications skills", Mr. Jennings said, "then the agency will not let them manage other people. Two tracks for employees may be needed, to separate management from technical excellence and to allow some people to advance and be rewarded without becoming managers", he said. Mehr Informationen zu Unternehmenskultur und Business Ethik an anderer Stelle.
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Aspekte des SicherheitsdesignHier ein Artikel von Don Norman zum Thema Sicherheitsdesign. Don Norman kommt vom Design her, untersucht (unter anderem) aber auch, warum manche Katastrophen passieren (seine anderen Artikel sind auch alle sehr interessant). Don Norman findet da z.B., dass oft Fehler in der Bedienoberfläche gemacht werden. Z.B. zeigt er in diesem Artikel (der Teil eines Buches ist), wie die Programmierung eines Autopiloten, nämlich die vollkommen automatische Korrektur eines ungewöhnlichen Flugzustandes und seine schweigsame Arbeit verhindern kann, dass die Piloten erkennen, dass etwas sehr ungewöhnliches passiert und dass das Flugzeug in Gefahr ist. Hier ein Link zu seinem Kapitel Coffee Cups in the Cockpit aus seinem Buch "Turn Signals are the Facial Expression of Automobils" (englisch), in dem diese Problematik diskutiert wird. Er schildert hier auch einen Flugzeugabsturz aus dem Jahr 1979, der dadurch verursacht wurde, dass der Pilot während des Landeanflugs am Steuer des Flugzeugs gestorben war, ohne dass der Kopilot es gemerkt hat. Der Kapitän war erheblich älter, er war der Chef der Fluglinie. Der Kopilot hätte an sich auf Antworten auf seine "Callouts" von Flugzuständen bestehen müssen, aber immerhin war der Pilot der große Chef und für Exzentritäten bekannt. Der Chef flog auch öfters zu tief an, dafür war er ebenfalls bekannt. Deswegen hat sich der Kopilot nicht getraut, den Chef zu rütteln. Das klingt recht unglaublich, aber zusätzlich berichtet Don Norman von Tests, die die Fluggesellschaft United Airlines dann im Simulator durchgeführt hat. Dabei hatten sich die Piloten auch tot gestellt und in 25% der Fälle hatte der Kopilot nicht das Ruder übernommen und die Maschinen waren im Simulator "abgestürzt".
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Die Sicherheitsgeschichte der Dampfkessel(April 2005) Ein hochinteressanter Artikel zur Sicherheitsgeschichte der Dampfkessel ist ein gutes Lehrstück zur Sicherheitsethik. Nach vielen Vorgängern hat James Watt die erste kommerziell im großen Maßstab einsetzbare Dampfmaschine geschaffen und patentiert. Er hat dafür Niederdruckdampf verwendet, weil ihm der Hochdruck zu gefährlich war. Da er mit Hilfe des Patentes den Markt kontrolliert hat, ging das lange Zeit gut. Dann jedoch haben andere Ingenieure wegen der größeren Effektivität Hochdruckmaschinen gebaut, die ein kommerzieller Erfolg wurden, aber durch die Explosionen der Dampfkessel eine große Zahl von Toten bedingt haben. Einige Leute haben eine Reglementierung gefordert, die Mehrheit hat dies aber als Hemmung des Fortschrittes gesehen und so hat es Jahrzehnte gedauert und viele tausend Tote erfordert. So sind in den USA allein von 1816 bis 1848 allein auf Dampfschiffen 2562 Menschen ums Leben gekommen und eine ähnliche Zahl verletzt worden. Diese große Zahl von Opfern wurde als notwendig für den Fortschritt und unvermeidbar betrachtet, obwohl es immer wieder Forderungen gab (u.a. sehr lautstark von James Watt), dass Sicherheitsregeln und Standards aufgestellt werden sollten. Dazu kam es in den USA aber dann erst 1985, und auch da erst mal nur für Dampfschiffe, nicht für die stationären Anlagen in der Industrie und für Lokomotiven. In England wurden in der 2. Hälfte des 19. Jhdt. Sicherheitsregeln für Dampfmaschinen eingeführt, in den USA erst zu Beginn des 20. Jhdt. In Deutschland wurden regionale "Dampfkessel Überwachungsvereine" (DÜV) gegründet, die sich später in Technische Überwachungsvereine, TÜV, umbenannten. Der TÜV Österreich wurde 1872 gegründet.
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KaprunDer Standard in Wien vom 21.2.04:
Keine TäterDer Richter im Prozess um die Kaprun Katastrophe mit 155 Toten konnte keine menschlichen Täter ausmachen und sprach daher die 16 Angeklagten frei. Firmen kann man nach österreichischem Recht nicht anklagen. "Die Brandursache war konstruktions- und produktions-bestimmt". Das heißt, der Heizlüfter, der nachträglich zur Bequemlichkeit für den Kabinenführer eingebaut worden war, konnte dort ruhig eingebaut werden. Als "Gefährdungspotenzial" sei er nicht zu erkennen gewesen und er galt als "eigensicher" Es war also nach Ansicht des Gerichts zu viel verlangt, dass jemand nachhaltige Bedenken äußerte, wenn eine rot glühende Hitzequelle, die im ursprünglichen technischen Design der Seilbahn nicht vorgesehen war, in der Nähe hoch brennbaren Materials eingebaut wurde. Vielleicht ist es wirklich zu viel verlangt. Aber ein ganz ernst gemeinter Tipp: Jeder möge seinen persönlichen Bereich und/oder seinen Arbeitsplatz auf die gewissen kleineren oder größeren Veränderungen überprüfen, die getroffen wurden, um die Bequemlichkeit zu erhöhen. Das Urteil im Kaprun-Prozess besagt nämlich nichts anderes, als dass jeder selbst für seine Sicherheit sorgen muss. (RAU) Hier noch ein Hintergrundartikel im WDR zur Katastrophe und eine Glosse zum letztendlichen Freispruch und ein Kommentar zur Einführung des Unternehmensstrafrechts in Ö. Und hier noch ein paar Gedanken zu diesem Thema: Erst mal erinnert mich der Vorschlag in dem Artikel ("dass alle ihre Augen offen halten sollen") an den Schluss des zweiten Artikels über den elektronischen Bankraub in Israel, bei dem die Täter ein FunkLAN installiert hatten, das keiner der Angestellten bemerkt hatte. Dazu hat ein Sicherheitsbeauftragter einer US-Bank einen Test gemacht und ebenfalls ein FunkLAN aufgestellt, und zwar mit einem Aufkleber, dass Security angerufen werden soll. Auch hier hat niemand etwas unternommen.
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Nach oben Weiterführende InformationenAn anderer Stelle habe ich einen speziellen Text zu Business Ethik Programmen in Unternehmen. Achtung: Eigenwerbung! Ich gebe Kurse zum Thema Unternehmenskultur und Businessethik Hier noch eine recht umfassende Diskussion des gesamten Bereichs "Ethik for Managers" (engl.). Viele gute Links und Ressourcen befinden sich auch bei learnwell.org (engl.). Hier sind Links zu 2 Organisationen, die Hilfestellungen auf diesen Gebieten anbieten: Die Ethikschutz-Initiative in Deutschland und das Union Network International. Der Verhaltenskodex für Fach- und Führungskräfte dieser Organisation deckt ein sehr weites Gebiet ab.
Philipp Schaumann, http://sicherheitskultur.at/, Stand: April 2006
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