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Technik-Ethik und Techniker-Ethik wird in mehr Details in einem anderen Artikel behandelt: Ethik für Techniker und Wissenschaftler.

Noch spezifischer sind dann meine Beiträge (mit vielen Links) zu Roboter-Ethik (was vor 10 Jahren noch sehr abstrakt war, aber jetzt immer dringender wird, z.B für selbststeuernde Autos, Enhanced Soldiers oder autonome Kriegsroboter)

An anderer Stelle habe ich einiges zur Problematik der Produktion von Elektronik-Gütern in China geschrieben und zwar unter dem Titel The Other Side of Apple.

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Business Ethik

Letzte Aktualisierungen April 2015

 

Was ist Businessethik?

    Themen der Businessethik werden auch oft unter anderen Stichworten behandelt, z.B. Firmenethik, Firmenkodex, Corporate Social Responsibility (CSR), aber auch Nachhaltigkeit, bzw. auf englisch Sustainability.

Die Ethik ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit den Grundlagen menschlicher Werte und Normen, des Sittlichen und der allgemeinen Moral befasst. Es ist ein Denksystem, das definiert, wie der Mensch handeln soll und wie nicht.

Die zentralen Probleme der Ethik betreffen

Ein sehr empfehlens-wertes Buch zum Thema Ethik ist Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele?. Eine sehr griffige Einführung in philosophische Themen mit einem ausführlichen Kapitel zu Ethik.

Sehr zu empfehlen als konzentrierte Einführung in das Thema Ethik ist einer der Podcasts von Radiolab in NY. Der Beitrag Morality stellt die Verbindung zwischen jahrtausende-alter Philosophie und den modernen Forschungen zu Ethik dar.

  • die Motive,
  • die Methoden und
  • die Folgen menschlichen Handelns.

Es ergeben sich sehr unterschiedliche Ethiken, je nachdem, wie die Gewichte zwischen diesen drei Themen gelegt werden, und was die Quelle der ethischen Normen ist. Die beiden wichtigsten Grundlagen sind a) Prinzipienethik, d.h. mein Handeln ist richtig, weil in .... definiert ist, dass dies das korrekte Handeln ist, oder b) Utilitarismus, d.h. mein Handeln ist richtig, weil dadurch das allgemeine Glück, die Summe des Glücks aller Menschen, befördert wird. Unterschiedliche Ansätze können sehr wohl zu unterschiedlichen Lösungen kommen. Im Berufsleben ist die Prinzipienethik oft nicht optimal, weil diese oft zu Entscheidungen führt, die Anhänger anderer Prinzipien nicht nachvollziehen können.

Im beruflichen Umfeld gibt es 2 Hauptgebiete, bei denen ethisches Verhalten gefragt wird. Der erste Punkt betrifft das Verhalten des Mitarbeiters im Beruf, im Umgang mit den Kollegen, mit Vorgesetzten und Untergebenen und auch mit Kunden, der zweite Punkt betrifft das Verhalten des Unternehmens selbst gegenüber seinen Kunden, seinen Mitarbeitern und allen anderen, die evtl. vom Unternehmen betroffen sind, z.B. die Anrainer der Fabrik.

Obwohl dies getrennte Themen sind, so hängen sie doch zusammen. Ein Unternehmen, das sich gegenüber den von seinem Handeln Betroffenen nicht ethisch verhält, wird ziemlich sicher erleben, dass die Mitarbeiter auch weniger dazu neigen, ethische Regeln als Grundlage ihres Verhaltens anzunehmen. Wenn ich als Mitarbeiter merke, wie rücksichtlos der Chef sich aufführt und wie er Firmenressourcen für Privatzwecke nutzt, dann werde ich nicht gerade motiviert, mir die Privatkopien auf dem Fotokopierer zu verkneifen.

Aus diesem Grund kann eine gut definierte und auch wirkliche gelebte Firmenethik ein guter Schutz gegen Wirtschaftskriminalität sein. Wirtschaftskriminalität ist ein wichtiges Thema für Unternehmen. So berichtet KPMG in einer Studie aus dem Jahr 2004, dass in Österreich 37% aller Unternehmen in den letzten 5 Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität waren. Nach einer anderen Studie von PriceWaterhousCoopers kamen die Täter zu 59% aus dem eigenen Unternehmen. Und 76% der Vorgänge betrafen Unterschlagung und Diebstahl. Wirtschaftskriminalität macht zwar nur 1 bis 3% aller Straftaten aus, der Anteil an den Schäden ist jedoch stolze 70%.

Interessant ist dabei auch, dass nur 27% aller Fälle durch interne oder externe Prüfer aufgedeckt wurden, 57% der Fälle bekommen durch Hinweise der Kollegen ans Licht. In 46% aller Fälle entdeckt man im Nachinein, dass es sehr wohl Hinweise gab, denen aber nicht genug nachgegangen wurde. D.h. eine Verbesserung bei der Aufklärung von Wirtschaftskriminalität ist möglich, wenn Mitarbeiter motiviert sind, Hinweisen auf Eigenartigkeiten nachzugehen und wenn sie Mechanismen haben, wie solche Beobachtungen berichtet werden können.

Dies bedeutet, dass eine gute Unternehmenskultur auf der Grundlage einer gelebten Business Ethik eine wichtige Grundlage für Informationssicherheit - dem Hauptthema dieser Website - ist.

Umfragen in den USA (und auch in Ö) zeigen, dass 43% der Mitarbeiter ihre Vorgesetzten nicht für Vorbilder in Bezug auf Integrität des Verhaltens sind. Ein ähnlicher Prozentsatz berichtet, unter Druck zu stehen, ethische Regeln missachten zu müssen. Dies ist keine gute Grundlage für eine gute Arbeitsmoral und Produktivität. Die Konflikte zwischen eigenen Werten und dem beobachteten Firmenverhalten verhindern eine Identifizierung des Mitarbeiters mit den Firmenzielen und damit auch, dass der Mitarbeiter sein wirkliches Potential entfalten kann.

 

 
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Jedes Unternehmen hat ein Ethikprogramm

Jede Firma hat ein Business Ethik Programm, oft wissen sie es aber nicht. Ein Business Ethik Programm entsteht nämlich nicht erst dann, wenn das Unternehmen eine Kommission einsetzt um passende Ethikregeln für das Unternehmen zu erstellen. Die Ethik des Unternehmens wird auf ganz andere Art ständig vermittelt.

Der wohl wichtigste Aspekt ist die Vorbildwirkung des Managements. Diese setzt immer die Regeln, auch wenn sie nicht schriftlich fixiert sind. Aber auch die Ziel-Vorgaben und die Bonus Pläne der Mitarbeiter machen Vorgaben, die stark beeinflussen, welche Werte als am wichtigsten angesehen werden. Dazu gehören auch Belohnungen, Bestrafungen, Aufstieg, Nicht-Aufstieg, Sonntagsreden des Managements, Verhalten des Managements und sehr wohl auch Gerüchte über das Verhalten des Managements.

Weil jede Firma, ob sie will oder nicht, ein Ethikprogramm hat, ist es besser für die Unternehmenskultur, wenn das Unternehmen ein bewusstes Programm entwickelt. In vielen Unternehmen läuft so etwas auch unter dem Namen "Code of Ethics".

 

 
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Vorgehensweise für ein Ethikprogramm

Stakeholder
Stakeholder sind im Gegensatz zu den Shareholdern (=Aktienbesitzer) alle, die vom Handeln des Unternehmens betroffen sind). Dies sind
- Mitarbeiter, Kollegen, Untergebenen
- Partner, Kunden, Patienten, Testpersonen
- Familie der Mitarbeiter
- Natur, Umwelt, Tiere
- der Rest der Bevölkerung

Folgende Schritte haben sich zur Erarbeitung eines Codes of Ethics bewährt:

  • der erste Schritt sollte eine Ist-Aufnahme im Unternehmen sein:

    Wie sehen die Mitarbeiter das Unternehmen und sein Verhalten gegenüber Kunden, Mitarbeitern und anderen Stakeholdern?

    Wie sehen die Mitarbeiter ihre Vorgesetzten und Kollegen?

    Wie zufrieden sind die Mitarbeiter?

    Wie läuft die Kommunikation im Unternehmen ab?

    Haben die Mitarbeiter das Gefühl, dass sie sich in das Unternehmen einbringen können, dass ihre Stimme gehört wird?

    Wie nehmen die Mitarbeiter den Unternehmensstil wahr?

    Wie sehen die Mitarbeiter ihre eigenen Lebensziele / Werte in Bezug auf die Ziele und Werte des Unternehmens?

  • Der nächste Schritt ist die Zieldefinition:

    Wie sollte die Unternehmenskultur aussehen?

    Welche Werte sollte das Unternehmen sich auf die Fahnen schreiben?

    Welches Verhalten sollte im Unternehmen gefördert werden, welches sollte weniger oft zu finden sein?

Für die Erarbeitung dieser Business Ethik sollte ein Ethik-Komitee eingesetzt werden. Es sollte nicht (nur) aus den Vertretern des Managements bestehen, sondern alle Mitarbeiter sollten dabei repräsentiert sein. Aufgabe ist die Erarbeitung des Textes. Wichtig ist dabei vor allem die Kommunikation der Arbeit und der Zwischenergebnisse. Dieser Rückkopplungsdialog zwischen dem Ethik-Komitee und der Mitarbeiterschaft ist ein ganz wichtiger Aspekt der späteren Umsetzung im Unternehmen. Nur durch das Partizipieren bei der Entwicklung kann später eine Akzeptanz im Unternehmen erreicht werden.

 

Wie kann das Komitee bei der Erareitung des Textes vorgehen? Eine Vorgehensweise besteht darin, dass die Kundenerwartungen, die gesetzlichen Vorschrfiften, die Herausforderungen des Marktes und die Erwartungen der Stakeholder (von den Mitarbeitern bis zu den Anrainern) als Vorgabe genommen werden. Welches Verhalten der Mitarbeiter und des Unternehmens begünstigt, dass diese Erwartungen erfüllt werden? Als Beispiel: Wenn die Zufriedenheit der Kunden mit dem Service ein wichtiger Faktor am Markt ist, dann erfordert dies ein gewisses Verhalten. Die Werte, die in der Unternehmensethik gefördert werden sollen, sind dann diejenigen, die dieses Verhalten begünstigen. Auf diese Weise kommt man zu einem Katalog von Verhaltensweisen, die im Unternehmen gefördert werden sollten.

Eine andere Methode geht von einer SWOT-Analyse aus. Was sind die Stärken des Unternehmens, welche ethischen Werte würde diese weiter unterstützen? Was sind die Opportunities und wie können diese weiter gefördert werden. Welche Weaknesses des Unternehmens sollte reduziert werden, welche Werte können dabei helfen und welche Threats müssen auf jeden Fall vermieden werden und welche Werte helfen hierbei?

Es genügt aber nicht, dass diese gewünschten Werte aufgelistet werden. Jeder der gewünschten Werte muss mit Beispiel-verhalten illustriert werden. Reine Aufzählungen von Werten sind zu abstrakt und damit unwirksam. Wichtig ist, dass die Regeln für ALLE Mitarbeiter gelten.

 

Wichtig ist dann die Umsetzung. Aus den Schlagworten müssen konkrete Businessprozesse werden. Wenn da z.B. "Soziale Verantwortung ist für uns ein höchstes Ziel" im Code of Conduct steht, so wird das Unternehmen dies auch deutlich implementieren müssen, z.B. durch mehr Flexibilität zur leichteren Betreuung von Kindern, durch deutliche Verbesserung der Umweltschutzanstrengungen, Unterstützung von karitativen Aktivitäten der Mitarbeiter und ähnliches.

"Der Kunde kommt zuerst" wird zur Umsetzung eine Anpassung der Bonuspläne erfordern, so dass die gemessene Kundenzufriedenheit sich in den Bonuszahlungen der Mitarbeiter und in Beförderungen niederschlägt. Auch die Stellenbeschreibungen müssen dann oft angepasst werden.

Hier ein praktisches Beispiel: Die NASA hat nach der letzten Shuttle-Katastrophe erkannt, dass ihre Unternehmenskultur ein wichtiger Faktor bei dem Absturz war. Daher haben sie ein sehr ehrgeiziges Programm zur Änderung des Stils im Unternehmen gestartet. Der obige Link erklärt die Details dazu.

Das Beispiel der NASA zeigt eine Reihe von wichtigen Punkten auf:

  • eine solche Änderung des Unternehmensstils ist sehr aufwendig
  • die Veränderung muss auf alle Fälle von oben nach unten erfolgen, d.h. das obere Management muss zuerst sein Verhalten ändern und effektives Vorbild sein
  • Messungen vorher und nachher müssen dafür sorgen, dass der Erfolg verifiziert werden kann
  • solche Änderungen können nicht durch Powerpoint-Präsentationen erfolgen, sondern durch ein aktives Verändern des Arbeitsstils, getrieben durch entsprechend geschulte Mitarbeiter selbst (Train-the-Trainer-Modell)
  • der neue Unternehmensstil muss in die Prozesse hineingetragen werden, am Beispiel der NASA in die Einstellungs- und Beförderungspolitik des Unternehmens

Das heißt, wie jede andere Veränderung in einem Unternehmen wird auch dies vermutlich auf den Widerstand von eingen Mitarbeiter stoßen. Ob sich die Veränderung durchsetzen kann, hängt davon ab, wie gut die Veränderung geplant ist, wie sehr sie vom oberen Management unterstützt und wirklich gelebt wird und wie gut die Prozesse angepasst werden. Einige der Mitarbeiter werden sich in der "neuen Umgebung" ungewohnt fühlen (wie oben erklärt, zieht jeder Unternehmensstil die Mitarbeiter an, die sich in diesem Stil wohl fühlen). Gegebenenfalls müssen auch personelle Veränderungen als Teil des Änderungsprozesses akzeptiert werden.

 

 
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Ein Konfliktlösungsmodell

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Einrichtung einer Ethik-Hotline oder Ombudsmann. Dies ist eine Stelle, an die sich die Mitarbeiter immer dann wenden können, wenn sie etwas sehen, von dem sie glauben, dass es dem Code of Conduct widerspricht oder wenn sie vor einer Entscheidung stehen, bei der es keine einfache, richtige Antwort gibt.

Ethische Konflikte zeichnen sich dadurch aus, dass in jedem Fall, egal wie ich entscheide, einer der Stakeholder unzufrieden sein wird. Zum Auflösen solcher Konflikte ist es gut, wenn das Unternehmen eine konsistente Vorgehensweise hat.

Doug Wallace and Jon Pekel von Fulcrum Group haben dafür eine 10-Schritt-Methode entwickelt. Die einzelnen Schritte sind:

1. Was sind die bekannten Tatsachen?

2. Wer sind die Stakeholder, was wäre für jeden das gewünschte Ergebnis

3. Was sind die wirklichen Ursachen und Antriebe („driver“) der Situation

4. Was sind die Regeln, ethischen Prinzipien oder andere Werte, die berücksichtigt werden sollten (Reihenfolge der Priorität)

5. Wer sollte bei der Entscheidungsfindung gehört werden und wer beteiligt sein?

6. Was sind Lösungs-Alternativen, die

- Nachteile für Stakeholder vermeiden oder minimieren

- eine Verletzung der wichtigsten Prinzipien vermeiden

- eine gute Lösung des Problems darstellen würden

7. Für die bevorzugte Alternative: Was wären Worst-Case Folgen für die Stakeholder?

8. Wie können in Zukunft solche Probleme vermieden werden, unter Berücksichtigung der „driver“ von Punkt 3

9. Bewerte die Entscheidung (siehe weiter unten)

10. Entgültige Entscheidung, Aktionsplan, Implementierung und Monitoring

Ein möglicher Test um zu entscheiden, ob eine Entscheidung in einem Konfliktfall als ethisch betrachtet werden kann ist, wenn man sich selbst fragt, ob man bereit wäre, diese Entscheidung in der Öffentlichkeit, z.B. im Fernsehen, zu verteidigen. Wer sich das zutraut, hat entweder extrem starke Nerven und Konfliktfreude, oder er hält diese Entscheidung für akzeptabel. Eine weitere Frage ist, ob die in diesem Fall getroffene Entscheidung als Beispiel für zukünftige Entscheidungen in ähnlichen Fragen herhalten könnte.

 

 
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Weiterführende Hinweise

Konkrete Beispiele von ethischen Fragestellungen werden auf meiner Seite zu Verantwortung der Techniker behandelt. Einige gute Beispiele für die Problematik, dass mit weniger ethischem Verhalten oft mehr Geld zu verdienen ist, behandelt der Guardian unter dem Stichwort Moral Hazard.

Sehr ähnlich die Analyse, dass 3 Firmen die in den USA dramatisch große Data Leaks hatten, letztendlich für sie akzeptable Summen aufbringen mussten, evt. weniger als was eine gute Sicherheit gekostet hätte.

Hier gibt es mein Traininigskonzept zur Verbesserung des Sicherheitsbewusstsein und dazu einige meiner Slides zum Business Ethik Kurs und die Agenda eines sehr umfassenden Workshop zu psychologischen und ethischen Sicherheitsaspekten.

Im Web findet sich eine recht umfassende Diskussion des gesamten Bereichs "Ethik for Managers" (engl.), eine sehr empfehlenswerte Zusammenfassung.

Gute Links zu Nachhaltigkeit / Sustainability gibt es auf der Wikipedia.

Hier ein Link zu meiner Seite zum Thema Whistle-Blowing.

Eine (wie ich hoffe) Satire auf das, was manche Unternehmen unter "Code of Conduct" verstehen: Regeln für das Grüßen im Betrieb (pdf).

 



Philipp Schaumann, http://sicherheitskultur.at/

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