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4 Minuten Interview mit Puls4 in Wien 2019

Autor Philipp Schaumann - Letzte Änderungen: Juni 2019

Dies ist der Text eines 4 Minuten Interviews bei Puls4-TV in Wien in 2019. Die (leicht provokanten) Fragen wurden durch die Interviewerin vorgegeben. Die besondere Herausforderung lag in der Begrenzung auf 2 Minuten.

 

In China wird asoziales Verhalten bestraft. Wie funktioniert das System?

Es handelt sich um ein landesweites System der sozialen Kontrolle und Überwachung mit Gesichtserkennung das bis 2020 errichtet wird. Wie der Big Brother aus 1984, aber mit automatischer Gesichtserkennung und künstlicher Intelligenz die alles sieht und hört und analysiert. Die vielfältigen Ratings und Kategorisierungen von privaten Firmen (Tencent, Alibaba) werden durch Ratings des Staats ergänzt und zentral verfügbar gemacht, z.B. für Jobvergabe, Kreditvergabe, Wohnungsvergabe, Reise-Optionen und Dating-Apps.

Ziel der Regierung sind angepasste und pflegeleichte Bürger - erwünschtes Verhalten wird belohnt, z.B. durch vergünstigte Kredite oder eine bessere Krankenversicherung und unerwünschtes Verhalten und Kritik an der Regierung oder den Regeln werden bestraft, z.B. bei der Jobsuche, aber auch Verbot von schnellen Fernzügen. Bis 2020 will die Regierung das System flächendeckend einsetzen.

Mehr Informationen finden sich auf meiner Seite zum gläsernen Menschen und Rating von Menschen. Und in den Artikeln der Wikipedia, auf deutsch und auf englisch.

 

Pluspunkte fürs Brav sein - warum denn nicht?

Ziel ist eine "Erziehung" durch Belohnung und Bestrafung. Jede Gemeinschaft tut so was. Einige Punkte sind aber in China anders:

  • Es wird nicht nur das Verhalten des Einzelnen beurteilt, sondern auch der Verwandtschaft und der sozialen Kontakte, "Sippenhaftung", Eltern werden für das Verhalten der Kinder bestraft und umgekehrt.
  • Bei uns kann man sich oft diesem Zwang entziehen, z.B. durch "Flucht" in die Städte, Auswanderung, Abwanderung aus der Umgebung in der Werte gelten, die man nicht teilt (z.B. Hass auf Homosexuelle). Das chinesische System gilt landesweit, es gibt kein Entkommen.
  • Die Werte die das System vorgibt sind zentral von der Regierung gesteuert, „Anpassung“ steht vermutlich ganz oben. Es gibt keine Möglichkeiten, „kreativer Querdenker“ zu sein, die Regeln dürfen nicht in Frage gestellt werden. Freie Entfaltung der Persönlichkeit ist nicht möglich, Menschenrechtsverletzungen liegen im System

 

Schafft ein Social Credit System bessere Menschen? (weniger Schwarzfahrer und Preller?)

Vermutlich schafft das System 2 Gruppen: durch die allgegenwärtige Ãœberwachung werden zum Einen extrem angepasste Menschen produziert und zum Anderen extrem neurotische Menschen, die mit der ständigen Ãœberwachung und den fremdgesteuerten Werten nicht klar kommen und im Untergrund leben werden oder durchdrehen. Stoff für viele Science Fiction Romane.

 

In China wird asoziales Verhalten bestraft. Wie weit sind wir in Österreich davon entfernt?

Noch nicht. Der Unterschied zu China ist, dass Firmen wie Google, Amazon und Facebook ähnlich viele Daten von uns haben (bis hin zu unserer sexuellen Orientierung und politischen Ausrichtung), aber dass die Firmen diese Daten (noch) nicht zusammenlegen und (noch) nicht mit den Regierungen teilen. D.h. es gibt (noch) Möglichkeiten sich diesen System teilweise zu entziehen.

 

Womit müssen wir rechnen, sollten wir doch bald zur Rating-Gesellschaft werden?

Dass es mehr angepasste Menschen gibt, weniger kreative Rebellen und mehr Neurotiker.

Viel mehr Informationen zum SCS finden sich auf meiner Seite zum gläsernen Menschen und Rating von Menschen.

 



Philipp Schaumann, http://sicherheitskultur.at/


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