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Fake-News und andere Unwahrheiten

Philipp Schaumann - Letzte Aktualisierung: Nov. 2017

Warum die Aufregung über Fake News?

Die Verbreitung von Unwahrheiten und Lügen ist keine neue Erfindung des 21. Jahrhunderts. Neu ist das Internet und das World-Wide-Web, mit dessen Hilfe es eigentlich jedem möglich ist, mit etwas Geschick eine unglaublich große, weltweite Zuhörerschaft zu erreichen. Das war vor dem Internet nur denen möglich, die über viel Geld und/oder Macht verfügen konnten.

Über E-Mail, aber vor allem über Social Networks lassen sich heute die absurdesten Geschichten in Windeseile weltweit verbreiten und das geschieht auch ständig ("it must be true!! I read it on the Internet!!"). Alte Weisheiten sagen, dass Lügen bereits einmal um die Welt sind, bevor die Wahrheit nur in die Reiseschuhe gestiegen ist.

 

Abofallen, Gewinnspiele, Kettenbriefe, Urban Legends, etc.

Eine Reihe von Websites versuchen, Gerüchten und falschen Nachrichten auf den Grund zu gehen. Besonders hervorzuheben ist die Initiative Mimikama. Sie kümmert sich sehr aktiv um alles im Umkreis von Fake News. Nutzer können Beiträge die ihnen komisch vorkommen an Mimikama melden, Mimikama recherchiert dann nach und berichtet was sie herausgefunden haben. Sie haben auch ein Buch herausgegeben: "Die Fake-Jäger". Dort erklären sie auch wie sie vorgehen und zeigen damit auf, wie jeder Nutzer im Internet der Wahrheit besser auf die Schliche kommen könnte. Zu den Tricks der Aufdecker gehört vor allem fortgeschritte Suchmaschinennutzung, z.B. das Auffinden von Bildern über "umgekehrte Bildersuche". (Sehr schön erklärt hat das alles André Wolf auf der Privacyweek 2017 in Wien - beginnend bei 23:10). Mimikama betreibt auch die spezialisierte Suchmaschine Hoax Search.

Mimikama unterscheidet 2 große Klassen von falschen Nachrichten: das eine sind Nachrichten, durch deren Verbreitung zumeist Geld verdient werden soll und das zweite sind Nachrichten, die politisch Stimmung (und vor allem sehr oft Hass) verbreiten sollen.

Bereits zu den Frühzeiten des Internets wurden mit den ersten Emails auch die ersten Kettenbriefe mit Schauergeschichten verbreitet, z.B. die Legende von den HIV-infizierte Nadeln in Kinosesseln oder in Geldrückgabeschlitzen von Automaten. Etwas ängstliche Gemüter werden davon leicht verunsichert. Wenn Sie eine ungew&öhnliche Meldung sehen, dann prüfen Sie lieber auf diesen Websites, ob wirklich was dran ist bevor Sie es Ihren Freunden weiterschicken und diesen unnötig Angst machen und falsche Nachrichten verbreiten.

Zu der ersten Kategorie gehören Abofallen und Gewinnspiele. Abofallen sind vermeintlich kostenlose Angebote, die Kosten werden irgendwo im Kleingedruckten versteckt.

Ein Beispiel bei dem zwar kein Abo verkauft wird, aber ein kostenloser Service gegen Geld angeboten wird, das ist der Antrag auf ein US-Visum. Das gibt es auf offiziellen US-Regierungswebsite kostenlos, aber diese offizielle Website findet sich bei einer Suche im Internet ganz weit unten. Zuerst kommen viele Websites mit offiziell klingenden Namen wie ustraveldocs.com, www.us-esta-org.com, US.VisaCentro.com, americanvisaesta.com, visumusa.net, estas.de, visum-usa.com, etc.Diese verlangen Geld dafür, den eigentlich kostenlosen Visumantrag an die Botschaft weiterzuleiten. Das ist (leider) legal, weil unten im Fuß der Webseite (meistens) steht, dass es auch eine kostenlose Option gibt. Aber wer liest eine Webseite schon bis zu dem Kleingedruckten.

Andere verdienen Geld, indem sie andere Nutzer, z.B. über möglist wilde Nachrichten auf Facebook auf andere Webseiten schicken. Wie kann man mit so etwas Geld verdienen? Da hilft die (leicht verborgene) Internetökonomie. Im Internet wird nämlich derjenige finanziell belohnt, der für Besuche auf kommerziellen Webseiten sorgt. Das nennt sich "affiliate marketing". Der Verbreiter von möglichst wilden Geschichten auf seiner Website wird entlohnt, wenn er möglichst vielen Menschen dazu bringt, auf einen Link zu klicken, der den Internetnutzer auf eine andere Website bringt (wo versucht wird, ihm etwas zu verkaufen oder ihn in eine Abofallen zu locken). Z.B. können das Gewinnspiele sein. Veranstalter von Gewinnspielen machen ihr Geld, indem sie die Adressen und weitere Daten, die die Besucher in der Hoffnung auf einen Gewinn korrekt eintragen, an Adressenhändler weiterverkaufen. Oder sie schicken die Benutzer auf Websites, wie Schadsoftware, z.B. "böse" Apps beworben wird.

Hier die Links zu anderen Websites die sich dem Aufdecken von falschen Geschichten widmen.

  • hoaxmap.org ist eine weitere deutschsprachige Website die sich um Fake-News im deutschsprachingen Raum kümmert.
  • Für den englisch-sprachigen Teil des Internets gibt es auf Snopes eine gigantische Sammlung von Gerüchten, wahr oder auch nicht. Z.B. die sehr ausführlich recherchierten Artikel zu den berüchtigten Geschichten mit den gestohlenen Nieren oder den unglücklichen Bonsai Kätzchen
  • eine ähnliche Sammlung auf Urban Legends (englisch)

 

 

 

Hier noch eine US-Vorlesung Calling Bullshit in the Age of Big Data zu der es eine umfangreiche Materialsammlung mit vielen Links zu lehrreichen Artikeln gibt.

Januar 2017: Guter Kommentar von Helmut Müller in den Salzburger Nachrichten:

"Das Internet, das gestartet ist als Mobilisierungsmittel der Demokratie, hat sich in eine Vernebelungsmaschine verwandelt, die die demokratische Öffentlichkeit zu zerstören droht. . . . . ein Begriff wie 'alternative Fakten' aktualisiert in Wahrheit das Diktaturmittel des "Neusprech" aus George Orwells Anti-Utopie '1984'."

Und noch eine schlechte Nachricht:
der Falter berichtet von einer neuen Software, die das Erstellen von falschen Videos deutlich vereinfacht: Face2Face überträgt die Mimik eines Gesichts auf ein fremdes Gesicht. Man kann damit die Person z.B. Grinsen lassen. Ein neues Programm von Adobe, das auch als 'Audio-Photoshop' bezeichnet wird, "lauscht" 20 Min. der Stimme einer Person und kann dann diese Person alle Texte sagen lassen, die als Text in das Programm eingegeben werden, Stimme, Tonfall, etc. stimmt.

Fake News machen Politik: postfaktisches Zeitalter

Brexit und die US-Wahl 2016

Welche Ergebnisse die Möglichkeiten der weltweiten Verbreitung von falschen Nachrichten in der Politik haben können, das sehen wir im Ergebnis der Brexit-Abstimmung und der US-Wahl. Bei der Brexit-Abstimmung wurden die Disinformationen (Falschaussagen) der EU-Gegner sehr schnell über die sozialen Medien verbreitet und die Zeitungen hatten keine Gelegenheit, diese Aussagen richtig zu stellen, weil sie die Empfänger der Falschaussagen in ihren Filterblasen ja gar nicht mehr erreichen. Beispiel sind die Behauptungen zu den wöchentlichen EU-Beiträgen die Großbritannien zu zahlen hätte:

    "Der "Boris Battle Bus" fährt mit dem Slogan durchs Land, die Insel entrichte Brüssel jede Woche 350 Millionen Pfund (446 Millionen Euro) an Beiträgen. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der korrekte Betrag lautet: Die meisten Schätzungen gehen von 110 bis 175 Millionen Pfund. Fest steht: Der Slogan ist falsch. Johnson und seine Mitstreiter wiederholen ihn dennoch unbeirrt und suggerieren zusätzlich, nach dem Brexit könne man das eingesparte Geld ins nationale Gesundheitssystem NHS stecken."

Ähnlich sind die Wahrheitsprobleme beim Thema Migration. Der Standard stellt richtig:

    . . . Wahr ist vielmehr, dass der Anteil der Menschen, die außerhalb ihrer Heimatländer leben, in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen ist und heute etwa drei Prozent der Weltbevölkerung in Höhe von insgesamt 7,5 Milliarden Menschen beträgt. . . . Dass alle Einwohner der Entwicklungsländer versuchen, in westliche Gesellschaften auszuwandern, ist ein Mythos. Diejenigen, die auswandern, bleiben mit viel größerer Wahrscheinlichkeit in ihrer eigenen Region. . . . in den globalen Migrationszahlen sind . . . 4,9 Millionen Menschen mit britischer Staatsangehörigkeit. . . In Großbritannien zahlen Einwanderer mehr Steuern, als sie an Sozialleistungen beanspruchen.

Einige Kommentatoren sprechen von einem postfaktischen Zeitalter (oder auch contra-faktischen Zeitalter). Post-truth wird von Oxford Dictionaries zum "Wort des Jahres" gewählt. Solche Schlagworte machen aber die Situation nicht erträglicher: Wenn beliebige Lügen in Windeseile breit verteilt werden können und es keine Möglichkeit gibt, die Empfänger für eine Richtigstellung in ihrer Bubble zu erreichen, dann ist auf dieser Grundlage eine funktionierende Demokratie nicht möglich.

Viele Details zum Einsatz, der Implementierung und der Wirkung der Fake-News Angriffe bei der Trump Wahl

Der Falter bringt einige gute Artikel zum Thema Fake News: Russia Today, der Propagandamaschine von Putin für (gegen) den Westen. Noch ausführlicher stellt das die NYT in einem sehr ausführlichen Artikel dar: RT, Sputnik and Russia’s New Theory of War. Sie zeigen, dass es Putin gelingt, das Recht auf freie Meinungsäußerung in den USA sehr weitgehend für seine Propagandazwecke zu nutzen. Und die liegen darin, dass die von ihm kontrollierten Medien, die mittlerweile im US-Kabelfernsehen präsent sind, gleichzeitig weit linke und weit rechte Meinungen propagieren und dabei auch vor einseitiger oder klar falscher Berichterstattung nicht zurückschrecken.

Sept. 2017: Die NYT und andere arbeiten die Einmischungen aus Russland bei der Wahl von Trump auf und analysieren die genauen Abläufe. Die NYT berichtet The Fake Americans Russia Created to Influence the Election, eine kurze Zusammenfassung ist Neue Details zu Russlands Social-Media-Krieg vor US-Wahl. Dabei spielt z.B. ein (nicht existenter) Melvin Redick eine tragende Rolle. Sein Facebook-Profil war sehr die erste Veröffentlichung einer echten oder gefälschten Nachricht (z.B. die Clinton-Leaks). Dann übernehmen auf Twitter automatische Bots, die so genannte "Warlists" nutzen.

Dabei handelt es sich um Twitter-Bots, die hunderte bis tausende Fake-Profile auf Twitter betreiben und für eine hohe Verbreitung und dadurch hohe Wertigkeit sorgen. Auch Facebook hat in der Zwischenzeit bestätigt, dass sie an gezielter Werbung durch gefälschte russische Accounts während der Wahlzeit gut verdient haben. Siehe auch Purged Facebook Page Tied to the Kremlin Spread Anti-Immigrant Bile. Die falschen Facebook- und Twitter-Accounts aus Russland haben vor allem durch gleichzeitig links- und rechtslastige Propaganda und Falschmeldungen polarisiert und damit (direkt oder indirekt) Stimmung für Trump gemacht.

Der Standard berichtet an Hand dieser Beispiele, wie russische Agenturen mit Hilfe einer riesigen Zahl von Anzeigen in Social Networks sowohl die Rechte wie die Linke in den USA gezielt aufgehetzt haben. Ziel war (und ist), die politische Mitte zu schwächen und eine Polarisierung der Gesellschaft zu erreichen.

Der Standard meldet, dass ein großer Teil der im US-Wahlkampf 2016 in den Social Networks verbreiteten Stories einfach vollständig erfunden sind: "Der Papst hätte sich für die Wahl von Donald Trump ausgesprochen. Hillary Clinton hätte 137 Millionen Dollar für illegale Waffenkäufe ausgegeben. Bill Clinton besitzt angeglich ein 200 Millionen Dollar teures Anwesen auf den Malediven. Hillary Clinton hätte eine Liebesbeziehung zu ihrer Beraterin Huma Abedin." Der Standard-Artikel referenziert dann auf die Filterblasen und versucht mögliche Lösungen, aber da gibt es wohl nicht viel.

Die NY Times berichtet ausführlich über die Hintergründe einer Fake News Factory in Georgien. Es ging den jugendlichen Betreibern rein ums Geld, keine Ideologie dahinter - trotzdem wird sich das bei auf der anderen Seite der Welt auf die Politik aus. Oder eine andere Fake News Fabrik in Mazedonien.

Die Fake-News, Falschnachrichten haben wegen ihres vermeintlichen Sensationsgehalt eine viel höhere Chance, weiterverteilt zu werden, bis zu 1 Million mal höher sagt der Artikel. Diese höhere Verbreitung sorgt für mehr Besucher auf den verlinkten Webseiten und dort Werbung gezeigt. Und über ihr Werbenetzwerk schneidet dann auch Google mit. Jetzt nach der Wahl versuchen Google und Facebook, zurückzurudern und diese Fake-News Welle einzudämmen (an der sie bis jetzt gut verdient haben).

Berichte aus den USA zeigen, dass US-Schüler nicht (mehr) in der Lage sind, den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu verifizieren. Ich fürchte, dass das nicht US-spezifisch ist. - Die Befürchtung war real: eine Studie in Österreich bestätigt die traurige Nachricht: Jugendliche tun sich schwer, Fake News im Netz zu erkennen. Und eine staatliche Behörde die gegen Fake News vorgeht "Wahrheitsministerium" riecht stark nach Zensur und 1984. Wissenschaftlich geht New Scientist das Thema an: Seeing reason: How to change minds in a ‘post-fact’ world.

Das ist dann ein Punkt, wo die Forderung nach 'öffentlich-rechtlichen europäischen Social Networks und Suchmaschinen', bei denen nicht die Gewinn-Optimierung im Vordergrund steht, recht vernünftig klingt.

Im Falter 2016 steht dazu ein Artikel Facebook, alte Medien, neuer und alter Hass. Einige Auszüge daraus:

    Facebook trifft auf die neue soziale Lage einer Weltgesellschaft, in der Umverteilung zwar weitergeht, nach oben, zu dem einen Prozent, zum spekulativen Finanzkapital. Aber auch zugunsten aufsteigender Schwellenländer, auf Kosten der reichen Industriestaaten (und jener Länder, die ausgeschlossen bleiben). Deklassierung droht innerhalb der Staaten des Westens, Globalisierung verschärft sie. . . .
    Geschickte Demagogen konnten solche Ängste je schon für sich mobilisieren, die neuerdings algorithmisch präparierte Filterfalle hilft ihnen dabei. . . .
    wer die Idee eines europäischen öffentlich-rechtlichen sozialen Mediums und einer europäischen Suchmaschine mit offengelegten Algorithmen belächelt, sollte an jene Umstände denken, unter denen öffentlich-rechtliche Medien entstanden sind. . . .
    Die Menschen ließen sich seinerzeit [...] verführen, weil Massenmedien sie in antisemitische und völkische Filterblasen einbetteten. Ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage war desolat.

 

 

 

Wie können wir "alternate realities" begegnen?

Hierzu gibt es leider (noch?) keine wirkliche Lösung. Dafür gibt aber mehr oder weniger gefährliche Ansätze. Im folgenden Abschitt nun einiges zu Lösungsideen.

Ein Falter-Artikel beschäftigt sich mit der Wirkung der Tweets von Trump (hinter Paywall), der Autor ist Medienwissenschaftler und bezieht sich in dem Artikel u.a. auf die Frankfurter Schule, Leute wie Adorno, Fromm, Neumann und Löwenthal und ihre Arbeiten zu Massenmedien. Er schreibt u.a.: "Trump betreibt ein Politik des Postfaktischen, in der nicht Fakten, Themen und Diskussion, sondern Ideologie, Personalisierung und Emotionen wichtig sind. . . Twitter ist ein Medium, das emotionale Politik fördert und in dem Ideologie und Irrationalität an die Stelle von Argumenten, Belegen und Wissen treten."

Ende 2016 gibt es teilweise bizarre Ideen aus der Politik: Obama regt eine Wahrheitsbehörde im US-Außenministerium an. Im Pentagon-Budget gibt es dafür den Posten "Countering Disinformation and Propaganda Act". Die CDU will eine Strafverschärfung bei Fake-News, auch da wird wohl eine Wahrheitsbehörde notwendig werden. Hier eine tolle Satire zum Thema Ministerium für Wahrheit.

Mai 2015
Die NY Times berichtet über Studien und Experimente die Facebook selbst durchgeführt hat: Facebook Use Polarizing? Site Begs to Differ. Facebook sagt, dass der Effekt nicht so stark sei wie oft befürchtet wird, und dass er vor allem damit zusammenhängt, dass die Freundeskreise sehr oft recht homogen sind. Andere Wissenschaftler widersprechen, der Artikel ist recht interessant. August 2016
Mitarbeiter einer US-Universität haben sich die Mechanismen bei der Verbreitung von Fake News im Detail angesehen. Sie kommen zu dem Schluss, dass in ganz vieleh Fällen nach dem ersten Posten der falschen Nachricht zuerst mal automatische Bots die Aufgabe übernehmen, diese Nachricht an Accounts weiterleiten, die eine große Zahl von Followern haben, d.h. die als einflussreiche Nutzer gelten. Wenn dann einige dieser Benutzer die Weiterverteilung übernehmen, so ist in den Augen der Empfänger die Nachricht aufgewertet und wird weiter verbreitet.

 

 

 

Russische Troll Fabriken

Im Sept. 2015 gibt es mehrere Artikel zu sog. Troll Fabriken. Russland hat eine Technik im Cyberwar perfektioniert: Angriffe auf die öffentliche Meinung im In- und Ausland mittels Troll Fabriken. Der Link führt auf einen sehr ausführlichen Hintergrundbericht in der NY Times, in dem geschildert wird, dass ein ganzes Gabäude in St. Petersburg nur dem Erzeugen von Stimmung durch falsche Nachrichten gewidmet ist. Auf diese Weise hat Putin die öffentliche Meinung in Russland was die Krim und die Ukraine betrifft ganz gut in Griff und auch im Westen sind viele Leute durch die bezahlten Blog-Beiträge ziemlich verwirrt. Diese Troll Fabrik war auch bei der US-Wahl 2016 extrem beschäftigt. Zu den Trollfabriken hier ein interessanter Artikel in Techrepublic: The new art of war: How trolls, hackers and spies are rewriting the rules of conflict.

Die NY Times berichtet: A Powerful Russian Weapon: The Spread of False Stories. Der Artikel berichtet über die vielen falschen Berichte aus Russland zu Themen wie dem Abschuss des Zivilflugzeugs über der Ukraine oder die Behauptung, dass die NATO Kernwaffen in Schweden positioniert hätte.

 

 

 

Doxing, Disinformation Kampagnen gegen lästige Bürger

Organizational Doxing (oder nur Doxing) ist in der Sicherheitsszene der Fachbegriff für das Veröffentlichen von (wahren - oder bei Bedarf auch gefälschten) Dokumenten zum Schaden eines Unternehmens oder einer Person oder Organisation. Prominente Beispiele sind die veröffentlichten Dokumente von Sony Pictures Entertainment, des Democratic National Committee, Hacking Team und viele andere, die in den meisten dieser Fälle zum schnellen Ende von vielversprechenden Karrieren geführt haben. Ziel ist entweder Erpressung oder einfach nur der Firma oder der Person zu schaden. Bruce Schneier hatte 2015 in einem etwas früheren Artikel im Atlantic geschrieben "The Meanest Email You Ever Wrote, Searchable on the Internet: In the age of cloud computing, everyone is vulnerable."

2016 hat Bruce Schneier auf die zusätzliche Option, die Dokumente vor dem Leak leicht zu verfälschen, hingewiesen: How Long Until Hackers Start Faking Leaked Documents? Leider ist das aber keine theoretische Überlegung.

Okt. 2016: Doxing durch APT28
Die russische Gruppe APT28 schafft es mal wieder in die Presse: Im Zusammenhang mit den Doping-Vorwürfen gegen russische Sportler werden von russischer Seite Dokumente der Welt-Anti-Dopingagentur Wada veröffentlicht, die über Medikamentennutzung amerikanischer Sportlerinnen berichten. Dabei deutet viel darauf hin, dass die Gruppe die wahlweise als APT28 oder Fancy Bear bezeichnet wird, dahinter steht. Jetzt kommt der Knackpunkt: Wada sagt, dass die meisten der Dokumente schon echt seien, aber nicht alle. Dokumente vor der Veröffentlichung leicht zu verfälschen macht es für die betroffene Organisation sehr schwer, ein glaubhaftes Dementi zu erzeugen.

Disinformation Kampagnen, d.h. Schmierkampagnen kann man aber auch außerhalb Russlands kaufen: der indische Anbieter Aglaya bot 2014 Infiltration in die Netze von "Gegnern", aber auch verdeckte Aktionen wie "sting operations", Diskreditierung von Gegnern (egal ob Privatpersonen oder Firmen) in Social Networks und Twitter und auch das Erzeugen von falschen Anklagen gegen die Opfer der Angriffe. Auch für Angriffe gegen kritische Infrastruktur sind sie sich nicht zu gut.

Auch aus der russichen Trickkiste: ein Bericht in der NY Times Foes of Russia Say Child Pornography Is Planted to Ruin Them. Der Bericht sagt, dass die alte Technik aus Sowjetzeiten, Kinderpornographie auf Rechnern von Regime-Kritikern zu installieren, wieder gut in Mode ist. Letztendlich ist es sehr sehr schwer, sich gegen solche Vorwürfe effektiv zu wehren.

 

 

 

Fake Follower, falsche Freunde - Sock Puppets und Astroturfing

Heute wird der "virtuelle Wert" einer Person immer öfter über die Zahl der Follower in Twitter oder der Friends in Social Networks gemessen. Da wundert es natürlich nicht, daraus auch schnell eine Geschäftsidee wird.

Unter Sock Puppets und Astroturfing wird verstanden, wenn mittels bezahlter Identitäten Stimmung für oder gegen etwas gemacht wird. Ein guter Artikel dazu ist Falsche Freunde als Geschäftszweig. Dort wird berichtet, dass solche Dienste kommerziell angeboten werden, dass ein Mitarbeiter i.d.Regel 20 Identitäten bedient und dass man für 35.000 Euro typischerweise 10.000 neue Fans für eine Website kaufen kann. An anderer Stelle wird berichtet, dass auf eBay 1000 Fans für 1995 Euro zu haben sind - was immer davon der korrekte Preis ist, auf jeden Fall scheint das ein kommerzieller Markt zu sein.

Laut den Security-Spezialisten von Barracuda Networks hat sich bereits eine Schattenwirtschaft um gekaufte Follower und Freunde entwickelt. Der Preis pro Follower soll bei 1,5 Cent liegen. Bzw. wie venturebeat berichtet: $1500 for 100,000 fans — on shady sites like SocialMediaCorp. Siehe Facebook’s war on zombie fans just started - Ergebnis: Rihanna’s down 22,000 fans, and so is Shakira. Lady Gaga is liked by 32,000 fewer people today, and Zynga’s Texas HoldEm Poker is down by almost 100,000 fans.

Der Online-Shop-Anbieter "Limited Run" behauptet, dass die Klicks auf Facebook Ads zu einem großen Teil von nicht-menschlichen "Nutzern" kommen sollen. Sie haben in FB Werbung geschaltet, aber nur 20 Prozent dieser vermeintlichen Nutzer die auf ihre Anzeigen geklickt hätten, wären auch auf der eigenen Webseite aufgetaucht. Dabei ist ihnen auch aufgefallen, dass die anderen Nutzer Javascript deaktiviert hatten, was in der Regel nur ein bis zwei Prozent der Nutzer tun, weil ja sonst die meisten Websites nicht mehr funktionieren. D.h. es sieht ganz so aus als würde irgendein Bot auf die Anzeigen klicken und damit Kosten für die werbenden Firmen und Einnahmen für Facebook erzeugen.

Facebook selbst veröffentlicht Zahlen zu sog. Fake Accounts. Das waren im Juli 2012 8,7%, d.h. von 955 Mio Nutzern sind das 83 Millionen. Aber weiter aufgeschlüsselt sind dies hauptsächlich doppelte Accounts, bzw. Accounts von Haustieren u.ä. Wirkliche "unerwünschte Accounts" sind nach ihren Angaben nur 1,5%, d.h. immerhin 15 Mio. Dies sind Accounts die für Spamming, Werbebetrug wie weiter oben erwähnt oder für Datensammlungen genutzt werden.

 

Paid Posters, Crowd Turfing

Dezember 2011:
Der Artikel Das Geschäft mit dem Crowdturfing zeigt, dass das Manipulieren von Meinungen durch falsche Aktitivitäten in Social Networks mittlerweile ein nennenswerter Gechäftszweig geworden ist. Zitat: "Die meisten Aufträge, die Crowdsourcing-Dienste in China und den USA abwickeln, dienen inzwischen der Manipulation von sozialen Netzwerken und der öffentlichen Meinung". In China sind mittlerweile "paid posters" die auf Webseiten (derzeit noch hauptsächlich noch chinesische) positive oder negative Kommentare und Bewertungen abgeben ein nennenswerter Geschäftszweig geworden.

Aber auch bei englischsprachigen Diensten wie dem Mechanical Turk von Amazon gibt es mehr und mehr zweifelhafte Aktivitäten. Hier berichtet der Guardian über entsprechende Software, ursprünglich entwickelt für psychologische Kriegsführung, aber natürlich auch sehr gut geeignet für positive oder negative Kommunikation über Produkte.

Ein Ergebnis dieser Aktivitäten kann durchaus sein, dass die Bewertungssysteme auf Websites wie eBay, Amazon, den Hotel- und Reisewebsite, etc. irgendwann einmal vollkommen wertlos werden, weil eh die größte Zahl der Beiträge und Bewertungen "bestellt" sind.

 



Philipp Schaumann, http://sicherheitskultur.at/


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